Donnerstag, 5. Juni 2014

Der Stumpfsinn

"Der Stumpfsinn hat ein kindliches Gesicht mit weißen Haaren und ist unbeständig in seinem Verhalten. Es fehlen ihm Klugheit, Maßhaltung und Zucht. In seiner Flatterhaftigkeit liebt er nichts Rechtschaffenes, sondern kennt nur seine lustlose Verdrossenheit und bedauert alle, die ein erfülltes Leben führen. Er ist mit einem ausgebleichtem Hemd bekleidet, unter dem er seine Hände verschränkt und seine Füße versteckt. Als ein vom Müßiggang ausgehöhlter Mensch missachtet er seine allgemeine Menschenpflicht, gute und kraftvolle Werke zu schaffen. Er sollte auf rechtschaffenem Pfade wandeln und seiner Aufgabe zu beseligender Tugend nachkommen, dies misslingt ihm aber gründlich durch seine nachlässige Faulheit. Er wird sehr rasch jeder Arbeit müde und empfindet Ekel vor einem geordneten Lebenswandel. Bequem und arbeitsscheu vernachlässigt er nicht nur seinen Verstand, sondern auch seinen Körper und beschönigt seinen Müßiggang mit dem Sehnen nach Ruhe und Frieden. Er fühlt sich wohl in seiner Beschränktheit und will weder von Gott noch von heiligen Dingen etwas wissen." (Hildegard v.B.) - Gegenspieler des Stumpfsinns sind Tapferkeit und Weisheit. Der Stumpfsinn legt in seiner mutlosen Gleichgültigkeit keinen Wert darauf, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern und durch Tüchtigkeit zu behaupten. Noch weniger liegt ihm daran, sein Gehirn zu schulen und Wissen zu erwerben. Er vergeudet seine Lebenskraft mit Unwichtigem und vernachlässigt das Hauptsächliche. Dadurch wird er zu einem Bremsklotz jeder Entwicklung. Die Reformen, die er durchführen will, bleiben klägliches Stückwerk, sie klammern sich an läppische Bagatellen und versäumen den entscheidenden Durchbruch. - Stumpfsinn muss nicht unbedingt eine Eigenschaft der Ungebildeten sein. Der Fachidiot, der auf seinem kleinen Gebiet sehr detailreiche Kenntnisse bei dürftigem Allgemeinwissen besitzt, ist ebenso vom Stumpfsinn infiziert wie der Verweigerer jeglicher Bildung. Klugheit ist immer anstrengender als Schwachsinn, dümmlich-zotige Witzeleien finden ein größeres Publikum als geistvolle Satire, Klassisches macht mehr Mühe als Triviales, Kitsch ist eingängiger als Kunst. - Beschränkt ist auch derjenige, der aktuellen wissenschaftlichen Doktrinen blind vertraut. Vieles von dem, das so gespreizt daherkommt und sich auf umfangreiche Statistiken beruft, ist eitle Windbeutelei. Der Schwachkopf plappert alles kritiklos nach, der Weise schaltet seinen Verstand ein, hinterfragt gründlich, vergleicht mehrere Fachleute und lässt nur das logisch Fundierte gelten. - "Der Stumpfsinnige kommt wie ein unnützer Lufthauch daher, der die Früchte der Erde austrocknet. Er spricht zu sich selbst :'Wenn es einen Gott gibt, dann soll er sich um alles selbst kümmern, ich werde mich für ihn nicht anstrengen.' Der Weise aber schaut verantwortungsvoll denjenigen im Spiegel seiner Seele an, von dem er Körper und Seele besitzt." (Hildegard v.B.)

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