1, Mystik
2, Hildegard von Bingen
3, Die Hildegard-Renaissance
4, Die Kirchenlehrer
5, Die Kirchenlehrerin Hildegard
6, Die Katharer
7, Die Hierarchie der Katharer
8, Gott
9, Die Schöpfung
10, Der Mensch
11, Hildegards Frauenbild
12, Das Wesen der Engel
13, Engel, Erzengel, Kräfte
14, Mächte, Fürstentümer, Herrschaften
15, Throne, Cherubim, Seraphim
16, Luzifer
17, Der Sündenfall
18, Die Verbannung
19, Noah
20, Abraham
21, Der Bund mit Israel
22, Moses
23, Der Zug durch die Wüste
24, Das Gesetz
25, Der Täufer Johannes
26, Der Tod des Johannes
27, Die Taufe
28, Menschwerdung
29, Der Arzt
30, Der Lehrer
31, Der Gekreuzigte
32, Die Auferstehung
33, Der Heilige Geist
34, Die Dreifaltigkeit
35, Maria
36, Die Kirche
37, Der Priester
38, Satan und Antichrist
39, Leib und Seele
40, Laster und Tugenden
41, Der Hochmut
42, Die Ausgelassenheit
43, Die Habsucht
44, Die Streitsucht
45, Die Lüge
46, Der Stumpfsinn
47, Die Gottlosigkeit
Prophetische Mystik
Freitag, 20. Juni 2014
Donnerstag, 12. Juni 2014
Die Gottlosigkeit
"Der gottlose Mensch ist eine Gestalt in tierischer Verkrüppelung. Ihm fehlen Hals und Genick. Sein abstoßendes Haupt wächst aus der Brust heraus, der Hinterkopf bildet einen Buckel zwischen den Schulterblättern. Er besitzt große, feurige Augen und ein Leopardenmaul, aus beiden Mundwinkeln hängt der Kopf einer Schlange heraus. Füße und Waden fehlen ihm, er steht hoch aufgerichtet wie eine Götzenstatue auf den Knien. Das Haupt verbirgt sich hinter einem schwarzen Tuch, den Leib umhüllt ein schwarzes Gewand. Schwarz ist die Farbe der Nacht, der Trauer und des Todes. Der Leugner Gottes lebt in der Nacht des Unwissens, er betrauert die Endlichkeit aller irdischen Freuden und er wird einst in den Tod der ewigen Verdammung eingehen. Er verschränkt die Arme unter dem Gewand, leere Handschuhe baumeln an der Seite herab. Die Verschränkung der Arme und die Handschuhe bedeuten, dass seine untätigen Hände keinerlei bleibenden Nutzen bringen. Das Leopardenmaul zeigt, dass er alles in Wut und Hass zerfetzt, was ihm nicht passt, er verachtet seine Mitmenschen und bekämpft gnadenlos Heilige und Gerechte in schlangenhaft bissigem Übelwollen. - Der Gottlose hat sich den gefallenen Engeln zugesellt, die in ihrer törichten Überheblichkeit rufen: Luzifer vollbringt doch viel größere Wunder als Gott. Luzifer ist unser Herr, wir wollen keinen Gott neben ihm." (Hildegard v.B.) - Atheistische Regierungen versprechen ihren Bürgern das Paradies auf Erden, gerechte Verteilung der Güter, angemessene Entlohnung und Gleichheit vor dem Gesetz. Real erweisen sich diese Verheißungen als leere Phrasen. In allen atheistischen Staaten der Vergangenheit und Gegenwart herrschen Unterdrückung, brutale Verfolgung, Folter, Eliminierung kritischer Geister, Korruption und eine Regentschaft des Mittelmaßes. Je mehr der Ungläubige von Gott abrückt, desto mehr nähert er sich dem Tier an. Er wird zur Schlange, zum Wolf und Panther. Der Starke frisst den Schwachen, tyrannisiert den Ohnmächtigen, triumphiert über den Benachteiligten, entledigt sich des Behinderten. Nicht das Nichts tritt an die Stelle Gottes, sondern die Verklärung des Animalischen. - Der Atheist weist ein großes Geschenk zurück, das Gott auch ihm zugedacht hat, einen Rettungsanker der Hoffnung, die geschwisterliche Gemeinschaft mit den Engeln, die Gesprächsmöglichkeit mit Christus und den Heiligen. Der Gottesglaube könnte ihn von seiner Isolation, seiner Ichversponnenheit und Einsamkeit befreien. Doch er gibt sich mit der Endgültigkeit der Grabesruhe zufrieden und zieht deshalb die Möglichkeit eines Weiterlebens nach dem Tod nicht in Betracht. - Die Gegenspielerin der Gottlosigkeit ist die Frömmigkeit. Der Fromme ist vom Weiterleben und von der uneingeschränkten Geborgenheit in Gott überzeugt. "Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen, der sagt zum Herrn: Du bist für mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue. Du rettest mich aus der Schlinge des Jägers und aus allem Verderben. Du beschirmst mich mit deinen Flügeln, unter deinen Schwingen finde ich Zuflucht, Schild und Schutz ist mir deine Treue. Ich brauche mich vor den Schrecken der Nacht nicht zu fürchten, noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt, noch vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittag. Denn der Herr ist meine Zuflucht, ich habe mir den Höchsten als Schutz erwählt. Mir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht meinem Haus, denn er befiehlt seinen Engeln, mich zu behüten auf all meinen Wegen." (Psalm 91)
Donnerstag, 5. Juni 2014
Der Stumpfsinn
"Der Stumpfsinn hat ein kindliches Gesicht mit weißen Haaren und ist unbeständig in seinem Verhalten. Es fehlen ihm Klugheit, Maßhaltung und Zucht. In seiner Flatterhaftigkeit liebt er nichts Rechtschaffenes, sondern kennt nur seine lustlose Verdrossenheit und bedauert alle, die ein erfülltes Leben führen. Er ist mit einem ausgebleichtem Hemd bekleidet, unter dem er seine Hände verschränkt und seine Füße versteckt. Als ein vom Müßiggang ausgehöhlter Mensch missachtet er seine allgemeine Menschenpflicht, gute und kraftvolle Werke zu schaffen. Er sollte auf rechtschaffenem Pfade wandeln und seiner Aufgabe zu beseligender Tugend nachkommen, dies misslingt ihm aber gründlich durch seine nachlässige Faulheit. Er wird sehr rasch jeder Arbeit müde und empfindet Ekel vor einem geordneten Lebenswandel. Bequem und arbeitsscheu vernachlässigt er nicht nur seinen Verstand, sondern auch seinen Körper und beschönigt seinen Müßiggang mit dem Sehnen nach Ruhe und Frieden. Er fühlt sich wohl in seiner Beschränktheit und will weder von Gott noch von heiligen Dingen etwas wissen." (Hildegard v.B.) - Gegenspieler des Stumpfsinns sind Tapferkeit und Weisheit. Der Stumpfsinn legt in seiner mutlosen Gleichgültigkeit keinen Wert darauf, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern und durch Tüchtigkeit zu behaupten. Noch weniger liegt ihm daran, sein Gehirn zu schulen und Wissen zu erwerben. Er vergeudet seine Lebenskraft mit Unwichtigem und vernachlässigt das Hauptsächliche. Dadurch wird er zu einem Bremsklotz jeder Entwicklung. Die Reformen, die er durchführen will, bleiben klägliches Stückwerk, sie klammern sich an läppische Bagatellen und versäumen den entscheidenden Durchbruch. - Stumpfsinn muss nicht unbedingt eine Eigenschaft der Ungebildeten sein. Der Fachidiot, der auf seinem kleinen Gebiet sehr detailreiche Kenntnisse bei dürftigem Allgemeinwissen besitzt, ist ebenso vom Stumpfsinn infiziert wie der Verweigerer jeglicher Bildung. Klugheit ist immer anstrengender als Schwachsinn, dümmlich-zotige Witzeleien finden ein größeres Publikum als geistvolle Satire, Klassisches macht mehr Mühe als Triviales, Kitsch ist eingängiger als Kunst. - Beschränkt ist auch derjenige, der aktuellen wissenschaftlichen Doktrinen blind vertraut. Vieles von dem, das so gespreizt daherkommt und sich auf umfangreiche Statistiken beruft, ist eitle Windbeutelei. Der Schwachkopf plappert alles kritiklos nach, der Weise schaltet seinen Verstand ein, hinterfragt gründlich, vergleicht mehrere Fachleute und lässt nur das logisch Fundierte gelten. - "Der Stumpfsinnige kommt wie ein unnützer Lufthauch daher, der die Früchte der Erde austrocknet. Er spricht zu sich selbst :'Wenn es einen Gott gibt, dann soll er sich um alles selbst kümmern, ich werde mich für ihn nicht anstrengen.' Der Weise aber schaut verantwortungsvoll denjenigen im Spiegel seiner Seele an, von dem er Körper und Seele besitzt." (Hildegard v.B.)
Donnerstag, 29. Mai 2014
Die Lüge
"Gott hat durch sein Wort alles Gute, Gerechte und Nützliche geschaffen. Die Lüge aber, durch die jede Sünde in die Welt kam, ist ohne Gott entstanden. Alle Laster sind Gott völlig fremd und seinem Wesen entgegengesetzt. Wenn sich der Mensch gegen das Böse sträubt, kann es ihn nicht beherrschen. Hat er sich aber mit ihm eingelassen, dann wird er sein Sklave. - Die Lüge gleicht einem unförmigen, monströsen Menschengebilde, das von dichter Finsternis umgeben ist und auf verhärtetem, schwarzem Grund steht. Sie spricht: ' Wäre ich ehrlich, könnte ich nicht erreichen, was ich möchte. Gaukle ich den anderen durch gesittetes Benehmen etwas vor, fassen sie Vertrauen zu mir und ich kann sie ausplündern. Die einfältigen Anhänger der Wahrheit sind so unbeweglich, dass sie es zu nichts bringen und armselig bleiben. Ich aber finde immer, was ich suche.' - Wer die Lüge liebt, verfällt auch anderen Lastern, der Gottlosigkeit, Hochstapelei und Spottsucht, denn sie sind miteinander verflochten. So steht sie in ihrer monströsen Hässlichkeit auf verdorrtem Boden, unfruchtbar ohne die Grünkraft der Gerechtigkeit, verhärtet ohne die Milde der Güte und verdüstert ohne das Leuchten der Tugenden." (Hildegard v.B.) - Die Versprechungen Luzifers verlockten einst den Menschen zum Abfall von Gott. Sie erwiesen sich als verhängnisvolle Lüge. Alle Fehlentwicklungen auf Erden gehen auf diese Urlüge zurück, die Überbewertung des Diesseitigen bei Vernachlässigung des Jenseits, die Schwerpunktsverlagerung auf körperliche Schönheit bei gleichzeitiger Verkümmerung der Seele, die Verherrlichung der Laster und Verhöhnung der Tugenden, die Missachtung redlicher Arbeit bei Hochjubeln des Faulenzertums. Die Lüge begleitet den Menschen von der Wiege bis zur Bahre, er ist ihren Marktschreiern hilflos ausgeliefert. Häufig bildet die dreiste Verschleierung der Wahrheit sogar die Basis folgenschwerer politischer Entscheidungen und kommerziell-partnerschaftlicher Weichenstellungen. Die Lüge besitzt viele Gesichter von der Mogelei bis zur ausgewachsenen Gaunerei, von der alltäglichen „Notlüge“ über Etikettenschwindel, Schönfärberei bis zur Manipulation der persönlichen freien Meinung zugunsten einer als verbindlich eingestuften Wissenschaftlichkeit oder Weltanschauung. - "Ich sah in der Schwärze ein Feuer brennen, in dem Drachen lauerten, die es mit ihrem Atem anfachten. Daneben schwoll ein Strom eiskalten Wassers auf, den die Drachen in wilde Bewegung versetzten. Über Feuer und Fluss sammelte sich eine flammende Luftschicht, die Feuer und Fluss mit ihrer Glut berührte. Die Seelen jener Menschen aber, die sich auf Erden der Lüge, des Betrugs und des Meineides hingegeben hatten, wurden im Feuer und in diesem Wasser gequält. Aus der Glut des Feuers wurden sie in das eiskalte Wasser und aus diesem wieder in die Feuersglut geworfen, wobei ihnen die Drachen hart zusetzten. Da sie auf Erden immer nur Lügen vorbrachten, litten sie unter dem Feuer. Da sie ihren Eifer stets auf Täuschung richteten, quälte sie die Eiseskälte des Wassers. Da sie Lüge, Betrug, Wortbruch, Fälschung und Verrat aufeinander gehäuft hatten, bestraften sie die Drachen. "(Hildegard v.B.)
Donnerstag, 22. Mai 2014
Die Streitsucht
"Verdreht ein Mensch mit Vorliebe die Wahrheit, so verfällt er auch dem Streit und beginnt mit seinen Brüdern in Tücke und Gaunerei zu zanken. Er verspottet er, betrügt sie durch schamlose Schliche, schwärzt sie bei der Obrigkeit an und wird rasend vor Zorn, wenn er mit seinem Eigensinn an Grenzen stößt. - Die Streitsucht gleicht einem Menschen mit krausem, schwarzem Haar und feurigem Antlitz. Sie trägt einen mehrfarbigen Mantel, der an den Schultern durchlöchert ist. Durch die Löcher streckt sie ihre Arme, mit der linken Hand hält sie ein Beil und drückt es fest an sich. Sie hat sich schon mehrfach an diesem scharfen Beil verletzt und ihren Mantel mit Blut bespritzt." (Hildegard v.B.) - "Auf dem Kopf der Streitsucht wächst krauses Haar, ein Symbol für verwirrende Gedanken. Durch ihren bunten Mantel wird sie zu einer schillernden Figur, die ihre unsauberen Absichten zudeckt. Ehrlos und unverschämt sinnt sie nur darauf, andere in Händel zu verwickeln. Die Axt zückt sie in aggressiver Wut und Dummheit gegen sich selbst. Ihr Wortschatz ist reich an Schimpfwörtern, ihren körperlichen Attacken gehen verbale Beleidigungen voraus. Sie fühlt sich missverstanden und rächt ihr verletztes Selbstwertgefühl durch Verachtung ihrer Umgebung. Rechtschaffenen Mitmenschen dichtet sie Diffamierungen ihrer Person an und geht mit aller Bosheit dagegen vor. Besänftigungen überhört sie, denn ihr Sinn geht nach unaufhörlichem Weiterbrodeln von Unversöhnlichkeit." (H.Strickerschmidt) - Streitsüchtige erwarten von aller Welt Perfektion, es genügt ihnen nicht das Gewissenhaft-Ordentliche. Da es diese Vollkommenheit nicht geben kann, suchen sie ständig nach Mängeln. Sie begegnen jedem Menschen in der Absicht, Fehler an ihm zu entdecken. Den Unwillen, den sie mit ihrer ungeschminkten Kritik erregen, benützen sie, ihren angeblich guten Geschmack und ihren Sittenkodex als allgemeinverbindlich hinzustellen. So schaffen sie sich viele Feinde durch Besserwisserei. Werden ihre unerbetenen Ratschläge abgewiesen, geraten sie in Wut und verachten die Unbelehrbaren. Sie erstreben nicht Harmonie und Eintracht, sondern eine Atmosphäre der Gereiztheit, deshalb provozieren sie törichte Auseinandersetzungen um nichtige Probleme. Wie sich läppischer Nachbarschaftszwist zu bitterböser, jahrzehntelanger Feindschaft auswächst, geht es auch in der großen Weltpolitik zu. Wo grundsätzlich die Bereitschaft fehlt, auf eigennützige Standpunkte zu verzichten und die Ansprüche der Gegenseite zu respektieren, werden nie die Kriege enden. - Die Gegenspielerin der Streitsucht ist der Frieden. "Ich aber bin ein Heilmittel für jede Zerstörung, die du verursachst. Wo du Wunden schlägst, da mache ich wieder heil. Die unrechten Kämpfe und die ewigen Streitereien achte ich für nichts. Bin ich doch ein Gebirge aus Myrrhe und Weihrauch, voll von Wohlgerüchen. Auf dem obersten Gipfel wohne ich und gleiche einer Wolke, in der sich Gott verbirgt. Wie ich über alle Himmel weiterziehe, werde ich auch über dich hinweggehen. Wo du dich selbst verletzt und blind den Einflüsterungen der bösen Geister nachgibst, bleibe ich von Dauer und werde dir keine Ruhe geben." (Hildegard v.B.)
Freitag, 16. Mai 2014
Die Habsucht
"Die Habsucht trägt großes Verlangen, sich jedes wertvolle Ding anzueignen, weil sie davon überzeugt ist, dass sich mit ihrem Besitz auch ihre Erkenntnis vermehrt. Sie schmückt sich mit kostbaren Ringen, prächtigen Armbändern und sonstigem Geschmeide, um damit prahlen zu können und von ihrer Umgebung geachtet zu werden. Sie geht Hand in Hand mit der geistigen Verschlossenheit und kennt nicht Liebe zu Gott noch verlässliche Treue zum Nächsten. Der Gierige reißt alles an sich, den Mitmenschen missgönnt er das karge Brot zum Überleben. Er gleicht den Hunden, die überall herumstreunen und nicht zu sättigen sind, er gleicht einem Geier, der nur seiner flatternden Gefräßigkeit lebt. Der wahre Gott bleibt seiner Grobheit fremd, sonst müsste er sich ändern und in Bescheidenheit wandeln."(Hildegard v.B.) - Hildegard sieht die Habsucht als weibliche Gestalt. Sie ist in ein weißes Gewand gehüllt, weil sie als vornehm gelten möchte; es soll so aussehen, als würde sie alles Zusammengeraffte einem edlen Zweck zum Nutzen der Armen zuführen. Sie verhüllt ihr Haupt, weil sie ihr Laster vor der Umwelt verbergen möchte. Ihre Leitbilder heißen Geiz, Profitgier und Maßlosigkeit, dabei sollte sie sich von den Tugenden Freigebigkeit und Genügsamkeit leiten lassen. Habsüchtige verkapseln sich in ihrem Ich und ignorieren fremde Not, sie wollen nicht mit Elend konfrontiert werden. Ihr Laster ist ein allgegenwärtiges Krebsübel und an keine gesellschaftliche Klasse gebunden. In der Berufs- und Partnerwahl spielen bei Habgierigen nicht Sympathie und Eignung eine wichtige Rolle sondern kommerzielle Erwägungen. Freundschaften werden unter dem Blickwinkel der Lukrativität geschlossen, der Anschluss an Vereine, Parteien und Clubs spekuliert auf klingende Münze. Alles muss sich rentieren und rechnen. Der Unersättlich-Habsüchtige schachert Grundbesitz zusammen, leistet sich an allen Sonnenstränden Luxushäuser und sammelt Edelkarossen, der Minderbemittelte dieser Zunft ergaunert sich von sozialen Einrichtungen hemmungslos unverschämte Vorteile. Den Nachkommen hinterlässt er nichts, er reicht weder das, was er von seinen Vorfahren ererbt hat noch das, was er selbst erworben hat, an die nächste Generation weiter. Bis ins hohe Alter kostet er seinen Besitz bis zur Neige aus. - Hildegard stellt der Habgier die Entweltlichung gegenüber, dem Verfallensein ans Irdische die Verachtung jeglichen Tandes. Nichts hat Bestand, nichts wird im Jenseits zählen, wonach der Habsüchtige sein ganzes Leben gejagt hat, kostbares Outfit, Rang, Titel, Grundbesitz und Bankguthaben. Der unablässige Kampf um Befriedigung der Eitelkeit hat ihm die Zeit zum Erwerb bleibender Schätze gestohlen. - "Die aber, die vor dem ewigen Tod fliehen, den Nächsten als Bruder und Schwester ehren, Gott lieben und nach den Freuden ewiger Verheißungen verlangen, sollen sich vor der Habsucht hüten und all ihr Tun Gottes Willen anpassen."(Hildegard v. B.)
Freitag, 9. Mai 2014
Die Ausgelassenheit
"Die Ausgelassenheit ist ein verruchtes Wesen, das mit den ungepflegten Manieren verspielter Menschen dem wechselhaften Wind gleicht. Sie ist unbeständig und heftet ihren Sinn auf alles, was gerade modisch daherkommt. Gott verweigert sie die Ehre und freut sich nicht an ihm. Sie ergötzt sich nur an dem, was sie sich selbst erwählt, daher heißt sie die Eitelkeit der Eitelkeiten und wird nichts anderes als Wertloses ernten. Hat sie sich von einer Liebhaberei getrennt, folgt sofort die nächste. Doch dieser unstete Sinn hinterlässt dauerhafte Spuren. - Die Ausgelassenheit gleicht einem streunenden Hund, der sich auf den Hinterpfoten aufrichtet und sich mit den Pranken an einem aufrechten Stock festhält. Ihre Schritte sind nach rückwärts, zum Teufel gerichtet und dem Geschmack des Irdischen verhaftet. Die Vorderpfoten aber legt sie in Vortäuschung von Rechtschaffenheit auf die Vorschriften des vom Geistigen getragenen Gesetzes." (Hildegard v.B.) - Hildegard versteht unter Ausgelassenheit Zuchtlosigkeit und Ablehnung göttlicher Ordnungen. Die Menschen dieses Lasters verweigern sich außerdem jedem Reifeprozess und der Anpassung an das jeweilige Lebensalter. Die menschliche Existenz hat wie die Natur vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Der Ausgelassene kann sich lebenslang nicht vom Frühling trennen. Frühling bedeutet kindliche Verspieltheit, Sorglosigkeit, Entdeckerlust, Ungebundenheit und Unverantwortlichkeit. Diese Freiheiten mit pädagogischen Einschränkungen dienen der Entwicklung der Persönlichkeit. Im Erwachsenenalter müssen sie durch Erfüllung der Standespflichten in eine ernsthafte Schicksalsbewältigung münden. Auch der Lebensherbst mit dem Rückzug aus dem Beruf hat sein eigenes Gepräge. Er ist Erntezeit, das Ordnen und Überdenken aller Erfahrungen. Wer aber weder den Sinn einer mit Fleiß und Ausdauer erfüllten Lebensarbeit noch die Notwendigkeit einer ehrlichen Bilanz erkennt, verfehlt auch die Chance des Alters. Der Winter ist kein zweiter Frühling, er ist keine Zeit des letztmöglichen Auslebens, der Befriedigung eines eingebildeten Nachholbedarfes, eines peinlichen Jugendwahnes. Er ist die Zeit der Einkehr und Besinnung, der Reue und Wiedergutmachung. - Ausgelassenheit definiert sich durch Oberflächlichkeit, Sprunghaftigkeit, Leichtsinn und Gefallsucht. Diese Eigenschaften gehen am Zweck des Lebens vorbei, der Wandlung zur Innerlichkeit. Das Leben des Ausgelassenen dreht sich immer nur in einem winzigen Kreis von Interessen um die eigene Person, deshalb ist sein Alter armselig. Auch wenn er im Wohlstand lebt, steht er mit leeren Händen da. Er hat seiner Umgebung nie einen nennenswerten Dienst geleistet noch eine selbstlose Verbindung zu anderen Menschen aufgebaut. Noch kläglicher kommt er nach dem Tod im Jenseits an. In seiner verspielten Leichtfertigkeit steht er blind, stumm und taub in einer neuen Umgebung und besitzt nicht einmal die Fähigkeit, Himmelsluft zu atmen.
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