Montag, 30. September 2013

Der Mensch

Gott formte den Menschen aus Ackererde und hauchte ihm seinen Geist ein. Das unterscheidet Adam von Engeln und Tieren. Sein Körper hat einen ähnlichen Bauplan wie das Tier, doch die Einhauchung des göttlichen Geistes schenkt ihm göttliche Abbildlichkeit, er besitzt außer dem Leib eine Seele. Andererseits unterscheidet ihn der Besitz des Leibes von den körperlosen, rein geistigen Engeln. Der Mensch ist ein Teil der Welt, sie ernährt ihn, er ist ihren Gesetzen unterworfen. Über der Welt steht er jedoch durch seine Seele, sie ist himmlischen Ursprungs und kann nach dem Sterben des Leibes in den Himmel heimkehren. Sein ganzes Leben besteht aus der immerwährenden Auseinandersetzung, aus der Zusammenarbeit aber auch einem spannungsgeladenen Gegeneinander von Leib und Seele. - Gott hat dem Menschen von Anfang an große Aufgaben anvertraut. Er erhielt Vollmacht über alle Tiere und den Auftrag, sie zu benennen. Der Name eines Lebewesens stellt ein Charakteristikum dar und verleiht demjenigen Macht, der den Namen kennt und ihn beschwörend ausspricht. Gott will nicht Alleinherrscher sein, er erteilt Engeln und Menschen den Auftrag, im Blick auf seinen Endplan in freiwilligem Gehorsam über ein anvertrautes Gebiet zu bestimmen. - Die Beseelung des Menschen beschreibt Hildegard als ein Licht, das vom Himmel kommt und sein Herz, das Organ der Emotionen, und sein Gehirn, das Organ des Intellekts, erfasst. Mit der Seele bindet Gott im Menschen den Glanz der Engel an den Leib aus Erdenlehm. - Von den Elementen gehalten nimmt der Mensch seinen Platz im Kosmos ein. Die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde sorgen als weltliches und geistiges Beziehungsgeflecht dafür, dass der Mensch im Verhältnis zum Schöpfer nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Die Elemente symbolisieren neben ihren materiellen auch ethische Aspekte, die Reue über Verfehlungen, das Vollbringen heiliger Werke, die Tugend der Unterscheidungskraft und das Akzeptieren einer gerechten Strafe zur Schuldbüßung. Mit seinem Handeln in der Welt ist dem Menschen ein erreichbares Ziel gesetzt, die Möglichkeiten seiner Gottesebenbildlichkeit zu verwirklichen. Von allen Lebewesen hat nur er eine bevorzugte Art von Geistigkeit, mit der er sowohl durch vernunftgelenkte Arbeit in der Welt wirken wie auch durch seine Seelenkräfte zur Gottesschau gelangen kann. Der Mensch steht erhobenen Hauptes und mit in Kreuzesform ausgespannten Armen im Zentrum des Weltenrades. Er lebt inmitten des Kosmos, den die Hände Gottes umfassen. Er ist der Mikrokosmos im Makrokosmos, jede Einzelheit seines Körpers hat ihre Entsprechung im Gesamtaufbau und Zusammenspiel des Weltalls.

Montag, 23. September 2013

Die Schöpfung

"Hildegard kann sich die Erschaffung der Welt weder ohne den Schöpfer, noch ohne den Menschen und schon gar nicht ohne Christus, das menschgewordene Schöpfungswort denken" (H.Gosebrink). - Gott tritt in der Schöpfung aus sich heraus, er äußert sich in der Materie und in der Zeit, die aus seiner Ewigkeit strömt. Diese göttliche Weltenzeit ist dazu bestimmt, Heilszeit zu werden, die Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung und vor allem mit dem Menschen. - In sieben Schritten erschafft Gott die Welt, Himmel und Erde, Tag und Nacht, Meere und Land, die Gestirne, Kriechtiere und Flugtiere, Nutzvieh und wilde Tiere und am siebten Tag den Menschen als Mann und Frau. Die Schöpfung ist für die Ewigkeit angelegt. Das schließt jedoch einen Weltuntergang nicht aus, doch wird er nicht nur eine Vernichtung bedeuten, sondern eine Wandlung von der irdischen in die jenseitige Körperlichkeit. Diese Zerstörung offenbart die menschlichen Werke als gut oder böse, demütig oder vermessen, gottzugewandt oder dämonisch und richtet sie danach. In dieser langen Zeitspanne zwischen dem Erwachen der Vernunft und dem Jüngsten Tag kann sich die Menschheit für oder gegen den richtigen Weg entscheiden. - Hildegard gibt den sieben Schöpfungstagen einen weiterführenden, symbolischen Sinn. Wenn Gott am ersten Tag die Wasser scheidet, sieht sie darin einen Hinweis auf den höchsten Grundsatz aller Tugenden, die Unterscheidungsgabe. Die Entstehung der Erde bringt sie in Zusammenhang mit der Demut, denn der Mensch ist durch seinen Leib aus Erdenlehm mit der Erde verwandt. Sonne und Mond sind für sie Hinweise auf die Gottes- und Nächstenliebe. Kriech- und Flugtiere verbindet sie mit Weltverachtung. In der Erschaffung des Mannes sieht sie einen Hinweis auf die Gerechtigkeit, in der Erschaffung der Frau auf die Barmherzigkeit. Der siebte Tag steht im Zeichen des Gottessohnes, dem der Mensch angehört und in dessen Nachfolge ihm alle himmlischen Freuden offenstehen. - Hildegard setzt die verschiedenen Stadien der Schöpfung auch in Verbindung mit der Gestaltung der Kirche, die in ihren Visionen einen wesentlichen Platz einnimmt. Wie Gott zwischen Licht und Finsternis scheidet, so auch zwischen Glauben und Unglauben. Die Fruchtbarkeit der Erde ist das Symbol der Kirche, in der sich die Gläubigen im Grad der Verbreitung des christlichen Glaubens zusammenfinden. Sonne, Mond und Sterne sind die geistlichen und weltlichen Lehrer, die Verstand und Gottessuche des Menschen erleuchten. Auch Mann und Frau dienen dem Aufbau der Kirche. Der Mann sorgt auf allen Gebieten für die Verwirklichung der himmlischen Tugenden, die Frau symbolisiert die mütterliche Sorge für die weltlichen Belange. Hildegards Wertschätzung des kontemplativen Lebens zeigt sich darin, dass sie die Realisierung der "männlichen Lebensform" den Mönchen und Jungfrauen, die der "weiblichen" den verheirateten Männern und Frauen zuweist.

Dienstag, 17. September 2013

Gott

Gott tritt mit der Schöpfung der Welt aus seiner Ewigkeit heraus und gestaltet Zeit und Geschichte. Diesem Anfang der Welt geht eine Vielzahl innergöttlicher Entscheidungen voraus, vor der Zeit liegt Gottes ewiger Ratschluss, sich in der Zeit mitzuteilen. (H.Gosebrink) - Gottes Haupteigenschaft ist Wirken, Werkzeug seines Wirkens ist das Wort. Dieses Wort ist Befehl, Anordnung und Gestaltungskraft. Gott will Welt, er will Sternenfülle des Weltalls, Blühen, Gedeihen und Vermehren, Helfer und Gefährten, ein Gegenüber, einen Freund und Partner, er will den Menschen. Gott ist Freiheit, nichts engt seine Allmacht ein. Er schenkt aber auch Freiheit, er will Mitarbeiter, keine Sklaven. Gott ist Gerechtigkeit, er erlässt strikte Gebote zum Nutzen der Engel und Menschen, fordert Gehorsam und Treue, duldet keine fremden Götter neben sich, denn das wären hirnlose Götzen auf tönernen Füßen. Gott ist Licht, Erleuchtung, Erhellung der Nacht. Er ist aber auch der völlig Andere, der Unbegreifliche, der Verborgene hinter allem Offensichtlichen, den keine Vorstellungskraft je völlig fassen kann. Doch ist er dem Menschen nicht fremd und fern, er hat seit Adam und Eva immer wieder mit ihm gesprochen und sich ihm geoffenbart. - Die Menschen erdichten sich mit blühender Phantasie gern ihren eigenen Himmel und bevölkern ihn mit einer Vielzahl von Göttern, die sie bewundern oder fürchten : Repräsentanten der Macht, des Kampfes, der Liebe, der Fruchtbarkeit, der Jagd, des Zornes und des Todes. Sie sind ein Spiegel des öffentlichen Lebens und zeigen alle Eigenschaften der gefallenen menschlichen Natur, Despotismus, Wortbruch, Ehebruch, Diebstahl, Mord, Grausamkeit und Zerstörungswut. - Mit Vorliebe aber ignoriert der Mensch völlig die Existenz Gottes. Gottesglaube bedeutet Verpflichtung gegenüber einer höchsten Autorität, das Akzeptieren moralischer Gesetze, die berechtigte Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod, die Rechtfertigung aller irdischen Entscheidungen vor einer transzendenten Instanz. Mit der Leugnung Gottes schüttelt der Mensch alle jenseitigen Optionen von sich ab, er beraubt sich aber auch der Quintessenz seines diesseitigen Daseins. Der Superlativ der Gottlosigkeit ist die Erhebung der eigenen Person zur Gottheit. Das sieht dann so aus: "Ich bin mein eigener Herr und Gesetzgeber. Ich gehorche niemand, ich schulde niemand Dank und nehme auf niemand Rücksicht. Ich fordere von aller Welt Respekt, alle sollen meine Schönheit, Klugheit, meine Titel, meinen Besitz und die Vortrefflichkeit meiner Werke bewundern."

Dienstag, 10. September 2013

Die Hierarchie der Katharer

Die Kirche der Katharer bestand aus dem überschaubaren Kreis der "Vollkommenen" (Perfecti), einer größeren Gruppe von "Eingeweihten" (Illuminati), dem Hauptanteil an "Gläubigen"(Credentes) und unzähligen "Sympathisanten". Höchstes Ziel aller Mitglieder war, in die Elite der "Vollkommenen" aufgenommen zu werden, obgleich dies Ehelosigkeit, sexuelle Abstinenz und fleischlose Kost bedeutete. Verging sich ein "Vollkommener" gegen diese Gebote, verlor er die Gnade der Geisttaufe; auch alle Geisttaufen, die er selbst gespendet hatte, waren hinfällig. Die "Vollkommenen" mussten ihren Besitz der Kirche überschreiben und waren zur Handarbeit verpflichtet. Es war ihnen verboten, Tierfleisch, tierisches Fett und Milchprodukte zu essen, zu fluchen und zu verfluchen. Der Grund für den Vegetarismus lag in der Überzeugung, in den Tierkörpern seien die Seelen Verstorbener eingesperrt, die durch das Verzehren ermordet würden. Auch das Trinken von Alkohol war verboten, man nahm an, dass an der Vergärung pflanzlicher Substanzen Seelen Verstorbener beteiligt wären, denen das Genießen alkoholischer Getränke Schaden zufüge.- Die katharische Bewegung war straff in Diözesen unter Bischöfen organisiert, die Pfarrseelsorge lag in den Händen von Diakonen, die wie die Bischöfe geistgetauft waren. Gottesdienste wurden in der Landessprache abgehalten, die Diakone waren für ihre Missionierungsverpflichtung in Rhetorik gründlich geschult. Als wichtigste Ansprechpartner der Gemeindemitglieder hatten sie sich um Sünder zu kümmern und durften ihnen die Absolution erteilen. Es gab auch eine Art Kommunion, es wurde jedoch nur geweihtes, nicht in den Leib Christi verwandeltes Brot gereicht. Ein makabrer Brauch war der freiwillige Hungertod. Wer unmittelbar nach der Geisttaufe unbedingt in den Zustand vollkommener Reinheit und der Himmelswürdigkeit gelangen wollte, nahm von diesem Zeitpunkt an keine Speise mehr zu sich, er hungerte sich buchstäblich zu Tode. In Zeiten der zahlreichen Verfolgungen war dies auch eine bevorzugte Selbstmordmethode. - Eine Stufe unter den "Vollkommenen" standen die "Eingeweihten", die Anwärter der Geisttaufe. Waren sie getauft, konnten sie nach einem langen Zeitraum moralischer Bewährung in den vollkommenen Stand eines "Guten Menschen" erhoben werden. Nach der Taufe war es ihnen auch erlaubt, das Vaterunser zu beten, allerdings in katharischer Formulierung. - Die "Gläubigen" bildeten die größte Gruppe. Sie waren Mitläufer, erwiesen den Vollmitgliedern Respekt, versorgten sie in Notzeiten mit Lebensmitteln und versteckten sie bei Verfolgungen, doch galten für sie nicht die strengen Vorschriften des Lebenswandels und der Ernährung. Wenn sie für ihre Treue am Ende des Lebens einen Dank erwarteten, konnten sie auf Wunsch durch die Geisttaufe ohne Wartezeit in den Stand der Vollkommenheit erhoben werden. Das bedeutete aber zugleich den Hungertod. - Die unterste Stufe bildeten die "Sympathisanten". Sie waren weder Moralvorschriften noch der Verpflichtung zu sozialen Aufgaben unterworfen. Aber sie standen der Kirche ideell nahe und unterstützten sie in Gefahr.

Mittwoch, 4. September 2013

Die Katharer

Es lässt sich kein schrofferer Gegensatz denken als zwischen der Theologie der Hildegard von Bingen und dem Katharismus. Dieser kam aus dem Süden Frankreichs und verbreitete sich vom 12. bis 14.Jahrhundert rasch ins Gebiet der heutigen Länder Italien, Spanien, Österreich, Skandinavien und Deutschland. Die Katharer bezeichneten sich selbst als "wahre Christen" und "gute Menschen°und betrachteten die materielle Welt als Werk eines bösen Gottes. Das Gute findet sich nur bei einem guten Gott im Himmel, zu ihm muss der Mensch aus der Umklammerung des Bösen geführt werden. Dies geschieht durch die Geisttaufe, doch selbst die kann vergeblich sein, denn eine Aufnahme ins Reich Gottes ist für jeden Menschen weitgehend vorherbestimmt. Um trotzdem zu versuchen, die Seelen aus dem irdischen Sumpf zu retten, befahl die Sekte einen entsagungsreichen Übungsweg. - Die Katharer sahen in Jahwe den Schöpfer der bösen Welt und lehnten daher das Alte Testament ab, vom Neuen Testament spielte das Johannes-Evangelium in sehr eigenwilliger Auslegung eine herausragende Rolle. Armut, Demut und Enthaltsamkeit wurden für den Weg zur Vollkommenheit vorausgesetzt, doch Sündenvergebung und Erlösung waren von der Mitgliedschaft in der katharischen Kirche abhängig. Durch einen feierlichen Akt der Geisttaufe wurden neue Mitglieder durch Bischof oder Gemeindeältesten aufgenommen. Nach dem Sündenbekenntnis vor der ganzen Gemeinde und der Vergebung durch den Bischof legte man dem Novizen das Johannes-Evangelium auf den Kopf, dann breiteten alle Getauften ihre Hände über ihn und übertrugen ihm den Geist der Erkenntnis. - Die Erlaubnis zum Priesteramt für Frauen konnte nicht über die allgemeine Frauenfeindlichkeit hinwegtäuschen. Das hing mit dem Sündenfall zusammen, durch den die Sexualität in die Stammeltern eingedrungen war. Nur dem Adam hauchte Gott bei seiner Erschaffung eine Seele ein, Eva, die vom Fleisch des Adams Genommene, bekam einen Anteil seiner männlichen Seele. Wegen der Hauptschuld Evas beim Sündenfall wurde ihre Seele entstellt. Schwangere Frauen taufte man nicht, denn sie trugen einen Dämon im Leib, die Fortpflanzung galt als Teufelswerk. Nach dem Tod einer Frau musste sich die entstellte Seele mühsam durch die Vergegenwärtigung ihres männlichen Ursprungs zurückverwandeln, Da der Paradieseszustand des Menschen frei von Sexualität war, bestand die irdische Lebensaufgabe darin, diesen vollkommenen Zustand durch Askese wieder zu erreichen. - Trotz seiner Strenge, Leib- und Frauenfeindlichkeit und des dualistischen Gottesbildes breitete sich der Katharismus lawinenartig aus und bildete bewusst eine Gegenkirche zur römischen Kirche.