Donnerstag, 29. Mai 2014
Die Lüge
"Gott hat durch sein Wort alles Gute, Gerechte und Nützliche geschaffen. Die Lüge aber, durch die jede Sünde in die Welt kam, ist ohne Gott entstanden. Alle Laster sind Gott völlig fremd und seinem Wesen entgegengesetzt. Wenn sich der Mensch gegen das Böse sträubt, kann es ihn nicht beherrschen. Hat er sich aber mit ihm eingelassen, dann wird er sein Sklave. - Die Lüge gleicht einem unförmigen, monströsen Menschengebilde, das von dichter Finsternis umgeben ist und auf verhärtetem, schwarzem Grund steht. Sie spricht: ' Wäre ich ehrlich, könnte ich nicht erreichen, was ich möchte. Gaukle ich den anderen durch gesittetes Benehmen etwas vor, fassen sie Vertrauen zu mir und ich kann sie ausplündern. Die einfältigen Anhänger der Wahrheit sind so unbeweglich, dass sie es zu nichts bringen und armselig bleiben. Ich aber finde immer, was ich suche.' - Wer die Lüge liebt, verfällt auch anderen Lastern, der Gottlosigkeit, Hochstapelei und Spottsucht, denn sie sind miteinander verflochten. So steht sie in ihrer monströsen Hässlichkeit auf verdorrtem Boden, unfruchtbar ohne die Grünkraft der Gerechtigkeit, verhärtet ohne die Milde der Güte und verdüstert ohne das Leuchten der Tugenden." (Hildegard v.B.) - Die Versprechungen Luzifers verlockten einst den Menschen zum Abfall von Gott. Sie erwiesen sich als verhängnisvolle Lüge. Alle Fehlentwicklungen auf Erden gehen auf diese Urlüge zurück, die Überbewertung des Diesseitigen bei Vernachlässigung des Jenseits, die Schwerpunktsverlagerung auf körperliche Schönheit bei gleichzeitiger Verkümmerung der Seele, die Verherrlichung der Laster und Verhöhnung der Tugenden, die Missachtung redlicher Arbeit bei Hochjubeln des Faulenzertums. Die Lüge begleitet den Menschen von der Wiege bis zur Bahre, er ist ihren Marktschreiern hilflos ausgeliefert. Häufig bildet die dreiste Verschleierung der Wahrheit sogar die Basis folgenschwerer politischer Entscheidungen und kommerziell-partnerschaftlicher Weichenstellungen. Die Lüge besitzt viele Gesichter von der Mogelei bis zur ausgewachsenen Gaunerei, von der alltäglichen „Notlüge“ über Etikettenschwindel, Schönfärberei bis zur Manipulation der persönlichen freien Meinung zugunsten einer als verbindlich eingestuften Wissenschaftlichkeit oder Weltanschauung. - "Ich sah in der Schwärze ein Feuer brennen, in dem Drachen lauerten, die es mit ihrem Atem anfachten. Daneben schwoll ein Strom eiskalten Wassers auf, den die Drachen in wilde Bewegung versetzten. Über Feuer und Fluss sammelte sich eine flammende Luftschicht, die Feuer und Fluss mit ihrer Glut berührte. Die Seelen jener Menschen aber, die sich auf Erden der Lüge, des Betrugs und des Meineides hingegeben hatten, wurden im Feuer und in diesem Wasser gequält. Aus der Glut des Feuers wurden sie in das eiskalte Wasser und aus diesem wieder in die Feuersglut geworfen, wobei ihnen die Drachen hart zusetzten. Da sie auf Erden immer nur Lügen vorbrachten, litten sie unter dem Feuer. Da sie ihren Eifer stets auf Täuschung richteten, quälte sie die Eiseskälte des Wassers. Da sie Lüge, Betrug, Wortbruch, Fälschung und Verrat aufeinander gehäuft hatten, bestraften sie die Drachen. "(Hildegard v.B.)
Donnerstag, 22. Mai 2014
Die Streitsucht
"Verdreht ein Mensch mit Vorliebe die Wahrheit, so verfällt er auch dem Streit und beginnt mit seinen Brüdern in Tücke und Gaunerei zu zanken. Er verspottet er, betrügt sie durch schamlose Schliche, schwärzt sie bei der Obrigkeit an und wird rasend vor Zorn, wenn er mit seinem Eigensinn an Grenzen stößt. - Die Streitsucht gleicht einem Menschen mit krausem, schwarzem Haar und feurigem Antlitz. Sie trägt einen mehrfarbigen Mantel, der an den Schultern durchlöchert ist. Durch die Löcher streckt sie ihre Arme, mit der linken Hand hält sie ein Beil und drückt es fest an sich. Sie hat sich schon mehrfach an diesem scharfen Beil verletzt und ihren Mantel mit Blut bespritzt." (Hildegard v.B.) - "Auf dem Kopf der Streitsucht wächst krauses Haar, ein Symbol für verwirrende Gedanken. Durch ihren bunten Mantel wird sie zu einer schillernden Figur, die ihre unsauberen Absichten zudeckt. Ehrlos und unverschämt sinnt sie nur darauf, andere in Händel zu verwickeln. Die Axt zückt sie in aggressiver Wut und Dummheit gegen sich selbst. Ihr Wortschatz ist reich an Schimpfwörtern, ihren körperlichen Attacken gehen verbale Beleidigungen voraus. Sie fühlt sich missverstanden und rächt ihr verletztes Selbstwertgefühl durch Verachtung ihrer Umgebung. Rechtschaffenen Mitmenschen dichtet sie Diffamierungen ihrer Person an und geht mit aller Bosheit dagegen vor. Besänftigungen überhört sie, denn ihr Sinn geht nach unaufhörlichem Weiterbrodeln von Unversöhnlichkeit." (H.Strickerschmidt) - Streitsüchtige erwarten von aller Welt Perfektion, es genügt ihnen nicht das Gewissenhaft-Ordentliche. Da es diese Vollkommenheit nicht geben kann, suchen sie ständig nach Mängeln. Sie begegnen jedem Menschen in der Absicht, Fehler an ihm zu entdecken. Den Unwillen, den sie mit ihrer ungeschminkten Kritik erregen, benützen sie, ihren angeblich guten Geschmack und ihren Sittenkodex als allgemeinverbindlich hinzustellen. So schaffen sie sich viele Feinde durch Besserwisserei. Werden ihre unerbetenen Ratschläge abgewiesen, geraten sie in Wut und verachten die Unbelehrbaren. Sie erstreben nicht Harmonie und Eintracht, sondern eine Atmosphäre der Gereiztheit, deshalb provozieren sie törichte Auseinandersetzungen um nichtige Probleme. Wie sich läppischer Nachbarschaftszwist zu bitterböser, jahrzehntelanger Feindschaft auswächst, geht es auch in der großen Weltpolitik zu. Wo grundsätzlich die Bereitschaft fehlt, auf eigennützige Standpunkte zu verzichten und die Ansprüche der Gegenseite zu respektieren, werden nie die Kriege enden. - Die Gegenspielerin der Streitsucht ist der Frieden. "Ich aber bin ein Heilmittel für jede Zerstörung, die du verursachst. Wo du Wunden schlägst, da mache ich wieder heil. Die unrechten Kämpfe und die ewigen Streitereien achte ich für nichts. Bin ich doch ein Gebirge aus Myrrhe und Weihrauch, voll von Wohlgerüchen. Auf dem obersten Gipfel wohne ich und gleiche einer Wolke, in der sich Gott verbirgt. Wie ich über alle Himmel weiterziehe, werde ich auch über dich hinweggehen. Wo du dich selbst verletzt und blind den Einflüsterungen der bösen Geister nachgibst, bleibe ich von Dauer und werde dir keine Ruhe geben." (Hildegard v.B.)
Freitag, 16. Mai 2014
Die Habsucht
"Die Habsucht trägt großes Verlangen, sich jedes wertvolle Ding anzueignen, weil sie davon überzeugt ist, dass sich mit ihrem Besitz auch ihre Erkenntnis vermehrt. Sie schmückt sich mit kostbaren Ringen, prächtigen Armbändern und sonstigem Geschmeide, um damit prahlen zu können und von ihrer Umgebung geachtet zu werden. Sie geht Hand in Hand mit der geistigen Verschlossenheit und kennt nicht Liebe zu Gott noch verlässliche Treue zum Nächsten. Der Gierige reißt alles an sich, den Mitmenschen missgönnt er das karge Brot zum Überleben. Er gleicht den Hunden, die überall herumstreunen und nicht zu sättigen sind, er gleicht einem Geier, der nur seiner flatternden Gefräßigkeit lebt. Der wahre Gott bleibt seiner Grobheit fremd, sonst müsste er sich ändern und in Bescheidenheit wandeln."(Hildegard v.B.) - Hildegard sieht die Habsucht als weibliche Gestalt. Sie ist in ein weißes Gewand gehüllt, weil sie als vornehm gelten möchte; es soll so aussehen, als würde sie alles Zusammengeraffte einem edlen Zweck zum Nutzen der Armen zuführen. Sie verhüllt ihr Haupt, weil sie ihr Laster vor der Umwelt verbergen möchte. Ihre Leitbilder heißen Geiz, Profitgier und Maßlosigkeit, dabei sollte sie sich von den Tugenden Freigebigkeit und Genügsamkeit leiten lassen. Habsüchtige verkapseln sich in ihrem Ich und ignorieren fremde Not, sie wollen nicht mit Elend konfrontiert werden. Ihr Laster ist ein allgegenwärtiges Krebsübel und an keine gesellschaftliche Klasse gebunden. In der Berufs- und Partnerwahl spielen bei Habgierigen nicht Sympathie und Eignung eine wichtige Rolle sondern kommerzielle Erwägungen. Freundschaften werden unter dem Blickwinkel der Lukrativität geschlossen, der Anschluss an Vereine, Parteien und Clubs spekuliert auf klingende Münze. Alles muss sich rentieren und rechnen. Der Unersättlich-Habsüchtige schachert Grundbesitz zusammen, leistet sich an allen Sonnenstränden Luxushäuser und sammelt Edelkarossen, der Minderbemittelte dieser Zunft ergaunert sich von sozialen Einrichtungen hemmungslos unverschämte Vorteile. Den Nachkommen hinterlässt er nichts, er reicht weder das, was er von seinen Vorfahren ererbt hat noch das, was er selbst erworben hat, an die nächste Generation weiter. Bis ins hohe Alter kostet er seinen Besitz bis zur Neige aus. - Hildegard stellt der Habgier die Entweltlichung gegenüber, dem Verfallensein ans Irdische die Verachtung jeglichen Tandes. Nichts hat Bestand, nichts wird im Jenseits zählen, wonach der Habsüchtige sein ganzes Leben gejagt hat, kostbares Outfit, Rang, Titel, Grundbesitz und Bankguthaben. Der unablässige Kampf um Befriedigung der Eitelkeit hat ihm die Zeit zum Erwerb bleibender Schätze gestohlen. - "Die aber, die vor dem ewigen Tod fliehen, den Nächsten als Bruder und Schwester ehren, Gott lieben und nach den Freuden ewiger Verheißungen verlangen, sollen sich vor der Habsucht hüten und all ihr Tun Gottes Willen anpassen."(Hildegard v. B.)
Freitag, 9. Mai 2014
Die Ausgelassenheit
"Die Ausgelassenheit ist ein verruchtes Wesen, das mit den ungepflegten Manieren verspielter Menschen dem wechselhaften Wind gleicht. Sie ist unbeständig und heftet ihren Sinn auf alles, was gerade modisch daherkommt. Gott verweigert sie die Ehre und freut sich nicht an ihm. Sie ergötzt sich nur an dem, was sie sich selbst erwählt, daher heißt sie die Eitelkeit der Eitelkeiten und wird nichts anderes als Wertloses ernten. Hat sie sich von einer Liebhaberei getrennt, folgt sofort die nächste. Doch dieser unstete Sinn hinterlässt dauerhafte Spuren. - Die Ausgelassenheit gleicht einem streunenden Hund, der sich auf den Hinterpfoten aufrichtet und sich mit den Pranken an einem aufrechten Stock festhält. Ihre Schritte sind nach rückwärts, zum Teufel gerichtet und dem Geschmack des Irdischen verhaftet. Die Vorderpfoten aber legt sie in Vortäuschung von Rechtschaffenheit auf die Vorschriften des vom Geistigen getragenen Gesetzes." (Hildegard v.B.) - Hildegard versteht unter Ausgelassenheit Zuchtlosigkeit und Ablehnung göttlicher Ordnungen. Die Menschen dieses Lasters verweigern sich außerdem jedem Reifeprozess und der Anpassung an das jeweilige Lebensalter. Die menschliche Existenz hat wie die Natur vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Der Ausgelassene kann sich lebenslang nicht vom Frühling trennen. Frühling bedeutet kindliche Verspieltheit, Sorglosigkeit, Entdeckerlust, Ungebundenheit und Unverantwortlichkeit. Diese Freiheiten mit pädagogischen Einschränkungen dienen der Entwicklung der Persönlichkeit. Im Erwachsenenalter müssen sie durch Erfüllung der Standespflichten in eine ernsthafte Schicksalsbewältigung münden. Auch der Lebensherbst mit dem Rückzug aus dem Beruf hat sein eigenes Gepräge. Er ist Erntezeit, das Ordnen und Überdenken aller Erfahrungen. Wer aber weder den Sinn einer mit Fleiß und Ausdauer erfüllten Lebensarbeit noch die Notwendigkeit einer ehrlichen Bilanz erkennt, verfehlt auch die Chance des Alters. Der Winter ist kein zweiter Frühling, er ist keine Zeit des letztmöglichen Auslebens, der Befriedigung eines eingebildeten Nachholbedarfes, eines peinlichen Jugendwahnes. Er ist die Zeit der Einkehr und Besinnung, der Reue und Wiedergutmachung. - Ausgelassenheit definiert sich durch Oberflächlichkeit, Sprunghaftigkeit, Leichtsinn und Gefallsucht. Diese Eigenschaften gehen am Zweck des Lebens vorbei, der Wandlung zur Innerlichkeit. Das Leben des Ausgelassenen dreht sich immer nur in einem winzigen Kreis von Interessen um die eigene Person, deshalb ist sein Alter armselig. Auch wenn er im Wohlstand lebt, steht er mit leeren Händen da. Er hat seiner Umgebung nie einen nennenswerten Dienst geleistet noch eine selbstlose Verbindung zu anderen Menschen aufgebaut. Noch kläglicher kommt er nach dem Tod im Jenseits an. In seiner verspielten Leichtfertigkeit steht er blind, stumm und taub in einer neuen Umgebung und besitzt nicht einmal die Fähigkeit, Himmelsluft zu atmen.
Samstag, 3. Mai 2014
Der Hochmut
"Hochmut ist die Mutter aller Laster und zieht viele Laster nach sich. Luzifer wollte in Selbstüberhebung über Gott hinaus. Sein Hass kämpfte gegen Gottes Gerechtigkeit, in Ungehorsam sprach er Gott jegliche Macht ab. Seine Ruhmsucht erstrebte, Gott gleich zu sein. Betrügerisch verkündete er Gottes Tod. Er verachtete den lebendigen Gott, um sich einen stummen Gott zu wählen. - Der Hochmut ist nackt, hat einen kahlen Kopf und ein weibisches Gesicht mit feurigen Augen und geschlossenem Mund. Statt Armen und Händen besitzt er Fledermausflügel, Bauch und Rücken fehlen, die Brust ist männlich, Beine und Füße ähneln einer Heuschrecke. Er verabscheut das rechte Wort und verleugnet im Herzen Gott und jeden Wert. Er benötigt keine Hände, weil er niemals gibt und auch keine Geschenke Gottes annehmen will. Seine Fledermausflügel dienen nur dem trügerischen, nächtlichen Flug. Blöd und unverhüllt schreitet er einher, in Gesinnung und Handlung ist er ohne Gewandung des Heiles. Jedem, der Gott als den Allumfassenden anerkennt, erweist er Verachtung." (Hildegard v.B.) - Hochmut ist mit Unzufriedenheit, Eitelkeit und Rücksichtslosigkeit verschwistert. Der Hochmütige flieht vor den täglichen Pflichten und erwartet von einer Karriere Erfüllung aller Wünsche. Um das Ziel zu erreichen, bedient er sich der Ellbogen. Er ist von hündischer Unterwürfigkeit gegen Vorgesetzte, ein Heuchler gegen Gleichgestellte und ein brutaler Sklavenhalter seiner Untergebenen. Hat er sich zur Spitze durchgeboxt, krallt er sich mit allen Mitteln daran fest. Er täuscht Fachkompetenz durch Spitzfindigkeit und einen klaren Kurs durch Spiegelfechterei vor. In seiner stolzer Abgehobenheit besitzt er keine Freunde, er ersetzt sie durch Speichellecker. Seine Umgebung interessiert ihn nur, soweit sie ihn untertänig bewundert, er selbst kennt weder Lob noch Anerkennung oder gar Hilfsbereitschaft. Der Hochmütige ist selbstherrlich und ichverliebt. Ebenso wie sein Vorbild Luzifer vergisst er, dass er Existenz und Talente Gott verdankt. Er rechnet seinen Wohlstand dem eigenen Verdienst zu und bedenkt nicht, dass Gott gibt und auch wieder nimmt, wenn sich der Beschenkte der Gabe als unwürdig erweist. - "Ich sah ein großes Feuer, das überall in schlimmster Glut brannte. Eine Masse schauerlicher Schlangen wimmelte darin. In diesem Feuer werden die Seelen derjenigen gepeinigt, die zu Lebzeiten den Hochmut in Wort und Tat in sich aufkommen ließen. Wenn sie diese Strafen vermeiden wollen, müssen sie in demütiger Abtötung die Prahlsucht und die übermütige Hörigkeit zu den bösen Geistern ablegen. Sie sollen ein Bußgewand tragen, häufig zum Beten niederknien, sich züchtigen und in Seufzen und Tränen ihre Sünden bereuen. Das Bußgewand hindert den Geist daran, sich in eitlem Höhenflug zu erheben, Knien im Gebet führt zu Einkehr und Zerknirschung, die Selbstzüchtigung zermalmt die anmaßende Aufgeblasenheit." (Hildegard v.B.)
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