1, Mystik
2, Hildegard von Bingen
3, Die Hildegard-Renaissance
4, Die Kirchenlehrer
5, Die Kirchenlehrerin Hildegard
6, Die Katharer
7, Die Hierarchie der Katharer
8, Gott
9, Die Schöpfung
10, Der Mensch
11, Hildegards Frauenbild
12, Das Wesen der Engel
13, Engel, Erzengel, Kräfte
14, Mächte, Fürstentümer, Herrschaften
15, Throne, Cherubim, Seraphim
16, Luzifer
17, Der Sündenfall
18, Die Verbannung
19, Noah
20, Abraham
21, Der Bund mit Israel
22, Moses
23, Der Zug durch die Wüste
24, Das Gesetz
25, Der Täufer Johannes
26, Der Tod des Johannes
27, Die Taufe
28, Menschwerdung
29, Der Arzt
30, Der Lehrer
31, Der Gekreuzigte
32, Die Auferstehung
33, Der Heilige Geist
34, Die Dreifaltigkeit
35, Maria
36, Die Kirche
37, Der Priester
38, Satan und Antichrist
39, Leib und Seele
40, Laster und Tugenden
41, Der Hochmut
42, Die Ausgelassenheit
43, Die Habsucht
44, Die Streitsucht
45, Die Lüge
46, Der Stumpfsinn
47, Die Gottlosigkeit
Freitag, 20. Juni 2014
Donnerstag, 12. Juni 2014
Die Gottlosigkeit
"Der gottlose Mensch ist eine Gestalt in tierischer Verkrüppelung. Ihm fehlen Hals und Genick. Sein abstoßendes Haupt wächst aus der Brust heraus, der Hinterkopf bildet einen Buckel zwischen den Schulterblättern. Er besitzt große, feurige Augen und ein Leopardenmaul, aus beiden Mundwinkeln hängt der Kopf einer Schlange heraus. Füße und Waden fehlen ihm, er steht hoch aufgerichtet wie eine Götzenstatue auf den Knien. Das Haupt verbirgt sich hinter einem schwarzen Tuch, den Leib umhüllt ein schwarzes Gewand. Schwarz ist die Farbe der Nacht, der Trauer und des Todes. Der Leugner Gottes lebt in der Nacht des Unwissens, er betrauert die Endlichkeit aller irdischen Freuden und er wird einst in den Tod der ewigen Verdammung eingehen. Er verschränkt die Arme unter dem Gewand, leere Handschuhe baumeln an der Seite herab. Die Verschränkung der Arme und die Handschuhe bedeuten, dass seine untätigen Hände keinerlei bleibenden Nutzen bringen. Das Leopardenmaul zeigt, dass er alles in Wut und Hass zerfetzt, was ihm nicht passt, er verachtet seine Mitmenschen und bekämpft gnadenlos Heilige und Gerechte in schlangenhaft bissigem Übelwollen. - Der Gottlose hat sich den gefallenen Engeln zugesellt, die in ihrer törichten Überheblichkeit rufen: Luzifer vollbringt doch viel größere Wunder als Gott. Luzifer ist unser Herr, wir wollen keinen Gott neben ihm." (Hildegard v.B.) - Atheistische Regierungen versprechen ihren Bürgern das Paradies auf Erden, gerechte Verteilung der Güter, angemessene Entlohnung und Gleichheit vor dem Gesetz. Real erweisen sich diese Verheißungen als leere Phrasen. In allen atheistischen Staaten der Vergangenheit und Gegenwart herrschen Unterdrückung, brutale Verfolgung, Folter, Eliminierung kritischer Geister, Korruption und eine Regentschaft des Mittelmaßes. Je mehr der Ungläubige von Gott abrückt, desto mehr nähert er sich dem Tier an. Er wird zur Schlange, zum Wolf und Panther. Der Starke frisst den Schwachen, tyrannisiert den Ohnmächtigen, triumphiert über den Benachteiligten, entledigt sich des Behinderten. Nicht das Nichts tritt an die Stelle Gottes, sondern die Verklärung des Animalischen. - Der Atheist weist ein großes Geschenk zurück, das Gott auch ihm zugedacht hat, einen Rettungsanker der Hoffnung, die geschwisterliche Gemeinschaft mit den Engeln, die Gesprächsmöglichkeit mit Christus und den Heiligen. Der Gottesglaube könnte ihn von seiner Isolation, seiner Ichversponnenheit und Einsamkeit befreien. Doch er gibt sich mit der Endgültigkeit der Grabesruhe zufrieden und zieht deshalb die Möglichkeit eines Weiterlebens nach dem Tod nicht in Betracht. - Die Gegenspielerin der Gottlosigkeit ist die Frömmigkeit. Der Fromme ist vom Weiterleben und von der uneingeschränkten Geborgenheit in Gott überzeugt. "Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen, der sagt zum Herrn: Du bist für mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue. Du rettest mich aus der Schlinge des Jägers und aus allem Verderben. Du beschirmst mich mit deinen Flügeln, unter deinen Schwingen finde ich Zuflucht, Schild und Schutz ist mir deine Treue. Ich brauche mich vor den Schrecken der Nacht nicht zu fürchten, noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt, noch vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittag. Denn der Herr ist meine Zuflucht, ich habe mir den Höchsten als Schutz erwählt. Mir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht meinem Haus, denn er befiehlt seinen Engeln, mich zu behüten auf all meinen Wegen." (Psalm 91)
Donnerstag, 5. Juni 2014
Der Stumpfsinn
"Der Stumpfsinn hat ein kindliches Gesicht mit weißen Haaren und ist unbeständig in seinem Verhalten. Es fehlen ihm Klugheit, Maßhaltung und Zucht. In seiner Flatterhaftigkeit liebt er nichts Rechtschaffenes, sondern kennt nur seine lustlose Verdrossenheit und bedauert alle, die ein erfülltes Leben führen. Er ist mit einem ausgebleichtem Hemd bekleidet, unter dem er seine Hände verschränkt und seine Füße versteckt. Als ein vom Müßiggang ausgehöhlter Mensch missachtet er seine allgemeine Menschenpflicht, gute und kraftvolle Werke zu schaffen. Er sollte auf rechtschaffenem Pfade wandeln und seiner Aufgabe zu beseligender Tugend nachkommen, dies misslingt ihm aber gründlich durch seine nachlässige Faulheit. Er wird sehr rasch jeder Arbeit müde und empfindet Ekel vor einem geordneten Lebenswandel. Bequem und arbeitsscheu vernachlässigt er nicht nur seinen Verstand, sondern auch seinen Körper und beschönigt seinen Müßiggang mit dem Sehnen nach Ruhe und Frieden. Er fühlt sich wohl in seiner Beschränktheit und will weder von Gott noch von heiligen Dingen etwas wissen." (Hildegard v.B.) - Gegenspieler des Stumpfsinns sind Tapferkeit und Weisheit. Der Stumpfsinn legt in seiner mutlosen Gleichgültigkeit keinen Wert darauf, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern und durch Tüchtigkeit zu behaupten. Noch weniger liegt ihm daran, sein Gehirn zu schulen und Wissen zu erwerben. Er vergeudet seine Lebenskraft mit Unwichtigem und vernachlässigt das Hauptsächliche. Dadurch wird er zu einem Bremsklotz jeder Entwicklung. Die Reformen, die er durchführen will, bleiben klägliches Stückwerk, sie klammern sich an läppische Bagatellen und versäumen den entscheidenden Durchbruch. - Stumpfsinn muss nicht unbedingt eine Eigenschaft der Ungebildeten sein. Der Fachidiot, der auf seinem kleinen Gebiet sehr detailreiche Kenntnisse bei dürftigem Allgemeinwissen besitzt, ist ebenso vom Stumpfsinn infiziert wie der Verweigerer jeglicher Bildung. Klugheit ist immer anstrengender als Schwachsinn, dümmlich-zotige Witzeleien finden ein größeres Publikum als geistvolle Satire, Klassisches macht mehr Mühe als Triviales, Kitsch ist eingängiger als Kunst. - Beschränkt ist auch derjenige, der aktuellen wissenschaftlichen Doktrinen blind vertraut. Vieles von dem, das so gespreizt daherkommt und sich auf umfangreiche Statistiken beruft, ist eitle Windbeutelei. Der Schwachkopf plappert alles kritiklos nach, der Weise schaltet seinen Verstand ein, hinterfragt gründlich, vergleicht mehrere Fachleute und lässt nur das logisch Fundierte gelten. - "Der Stumpfsinnige kommt wie ein unnützer Lufthauch daher, der die Früchte der Erde austrocknet. Er spricht zu sich selbst :'Wenn es einen Gott gibt, dann soll er sich um alles selbst kümmern, ich werde mich für ihn nicht anstrengen.' Der Weise aber schaut verantwortungsvoll denjenigen im Spiegel seiner Seele an, von dem er Körper und Seele besitzt." (Hildegard v.B.)
Donnerstag, 29. Mai 2014
Die Lüge
"Gott hat durch sein Wort alles Gute, Gerechte und Nützliche geschaffen. Die Lüge aber, durch die jede Sünde in die Welt kam, ist ohne Gott entstanden. Alle Laster sind Gott völlig fremd und seinem Wesen entgegengesetzt. Wenn sich der Mensch gegen das Böse sträubt, kann es ihn nicht beherrschen. Hat er sich aber mit ihm eingelassen, dann wird er sein Sklave. - Die Lüge gleicht einem unförmigen, monströsen Menschengebilde, das von dichter Finsternis umgeben ist und auf verhärtetem, schwarzem Grund steht. Sie spricht: ' Wäre ich ehrlich, könnte ich nicht erreichen, was ich möchte. Gaukle ich den anderen durch gesittetes Benehmen etwas vor, fassen sie Vertrauen zu mir und ich kann sie ausplündern. Die einfältigen Anhänger der Wahrheit sind so unbeweglich, dass sie es zu nichts bringen und armselig bleiben. Ich aber finde immer, was ich suche.' - Wer die Lüge liebt, verfällt auch anderen Lastern, der Gottlosigkeit, Hochstapelei und Spottsucht, denn sie sind miteinander verflochten. So steht sie in ihrer monströsen Hässlichkeit auf verdorrtem Boden, unfruchtbar ohne die Grünkraft der Gerechtigkeit, verhärtet ohne die Milde der Güte und verdüstert ohne das Leuchten der Tugenden." (Hildegard v.B.) - Die Versprechungen Luzifers verlockten einst den Menschen zum Abfall von Gott. Sie erwiesen sich als verhängnisvolle Lüge. Alle Fehlentwicklungen auf Erden gehen auf diese Urlüge zurück, die Überbewertung des Diesseitigen bei Vernachlässigung des Jenseits, die Schwerpunktsverlagerung auf körperliche Schönheit bei gleichzeitiger Verkümmerung der Seele, die Verherrlichung der Laster und Verhöhnung der Tugenden, die Missachtung redlicher Arbeit bei Hochjubeln des Faulenzertums. Die Lüge begleitet den Menschen von der Wiege bis zur Bahre, er ist ihren Marktschreiern hilflos ausgeliefert. Häufig bildet die dreiste Verschleierung der Wahrheit sogar die Basis folgenschwerer politischer Entscheidungen und kommerziell-partnerschaftlicher Weichenstellungen. Die Lüge besitzt viele Gesichter von der Mogelei bis zur ausgewachsenen Gaunerei, von der alltäglichen „Notlüge“ über Etikettenschwindel, Schönfärberei bis zur Manipulation der persönlichen freien Meinung zugunsten einer als verbindlich eingestuften Wissenschaftlichkeit oder Weltanschauung. - "Ich sah in der Schwärze ein Feuer brennen, in dem Drachen lauerten, die es mit ihrem Atem anfachten. Daneben schwoll ein Strom eiskalten Wassers auf, den die Drachen in wilde Bewegung versetzten. Über Feuer und Fluss sammelte sich eine flammende Luftschicht, die Feuer und Fluss mit ihrer Glut berührte. Die Seelen jener Menschen aber, die sich auf Erden der Lüge, des Betrugs und des Meineides hingegeben hatten, wurden im Feuer und in diesem Wasser gequält. Aus der Glut des Feuers wurden sie in das eiskalte Wasser und aus diesem wieder in die Feuersglut geworfen, wobei ihnen die Drachen hart zusetzten. Da sie auf Erden immer nur Lügen vorbrachten, litten sie unter dem Feuer. Da sie ihren Eifer stets auf Täuschung richteten, quälte sie die Eiseskälte des Wassers. Da sie Lüge, Betrug, Wortbruch, Fälschung und Verrat aufeinander gehäuft hatten, bestraften sie die Drachen. "(Hildegard v.B.)
Donnerstag, 22. Mai 2014
Die Streitsucht
"Verdreht ein Mensch mit Vorliebe die Wahrheit, so verfällt er auch dem Streit und beginnt mit seinen Brüdern in Tücke und Gaunerei zu zanken. Er verspottet er, betrügt sie durch schamlose Schliche, schwärzt sie bei der Obrigkeit an und wird rasend vor Zorn, wenn er mit seinem Eigensinn an Grenzen stößt. - Die Streitsucht gleicht einem Menschen mit krausem, schwarzem Haar und feurigem Antlitz. Sie trägt einen mehrfarbigen Mantel, der an den Schultern durchlöchert ist. Durch die Löcher streckt sie ihre Arme, mit der linken Hand hält sie ein Beil und drückt es fest an sich. Sie hat sich schon mehrfach an diesem scharfen Beil verletzt und ihren Mantel mit Blut bespritzt." (Hildegard v.B.) - "Auf dem Kopf der Streitsucht wächst krauses Haar, ein Symbol für verwirrende Gedanken. Durch ihren bunten Mantel wird sie zu einer schillernden Figur, die ihre unsauberen Absichten zudeckt. Ehrlos und unverschämt sinnt sie nur darauf, andere in Händel zu verwickeln. Die Axt zückt sie in aggressiver Wut und Dummheit gegen sich selbst. Ihr Wortschatz ist reich an Schimpfwörtern, ihren körperlichen Attacken gehen verbale Beleidigungen voraus. Sie fühlt sich missverstanden und rächt ihr verletztes Selbstwertgefühl durch Verachtung ihrer Umgebung. Rechtschaffenen Mitmenschen dichtet sie Diffamierungen ihrer Person an und geht mit aller Bosheit dagegen vor. Besänftigungen überhört sie, denn ihr Sinn geht nach unaufhörlichem Weiterbrodeln von Unversöhnlichkeit." (H.Strickerschmidt) - Streitsüchtige erwarten von aller Welt Perfektion, es genügt ihnen nicht das Gewissenhaft-Ordentliche. Da es diese Vollkommenheit nicht geben kann, suchen sie ständig nach Mängeln. Sie begegnen jedem Menschen in der Absicht, Fehler an ihm zu entdecken. Den Unwillen, den sie mit ihrer ungeschminkten Kritik erregen, benützen sie, ihren angeblich guten Geschmack und ihren Sittenkodex als allgemeinverbindlich hinzustellen. So schaffen sie sich viele Feinde durch Besserwisserei. Werden ihre unerbetenen Ratschläge abgewiesen, geraten sie in Wut und verachten die Unbelehrbaren. Sie erstreben nicht Harmonie und Eintracht, sondern eine Atmosphäre der Gereiztheit, deshalb provozieren sie törichte Auseinandersetzungen um nichtige Probleme. Wie sich läppischer Nachbarschaftszwist zu bitterböser, jahrzehntelanger Feindschaft auswächst, geht es auch in der großen Weltpolitik zu. Wo grundsätzlich die Bereitschaft fehlt, auf eigennützige Standpunkte zu verzichten und die Ansprüche der Gegenseite zu respektieren, werden nie die Kriege enden. - Die Gegenspielerin der Streitsucht ist der Frieden. "Ich aber bin ein Heilmittel für jede Zerstörung, die du verursachst. Wo du Wunden schlägst, da mache ich wieder heil. Die unrechten Kämpfe und die ewigen Streitereien achte ich für nichts. Bin ich doch ein Gebirge aus Myrrhe und Weihrauch, voll von Wohlgerüchen. Auf dem obersten Gipfel wohne ich und gleiche einer Wolke, in der sich Gott verbirgt. Wie ich über alle Himmel weiterziehe, werde ich auch über dich hinweggehen. Wo du dich selbst verletzt und blind den Einflüsterungen der bösen Geister nachgibst, bleibe ich von Dauer und werde dir keine Ruhe geben." (Hildegard v.B.)
Freitag, 16. Mai 2014
Die Habsucht
"Die Habsucht trägt großes Verlangen, sich jedes wertvolle Ding anzueignen, weil sie davon überzeugt ist, dass sich mit ihrem Besitz auch ihre Erkenntnis vermehrt. Sie schmückt sich mit kostbaren Ringen, prächtigen Armbändern und sonstigem Geschmeide, um damit prahlen zu können und von ihrer Umgebung geachtet zu werden. Sie geht Hand in Hand mit der geistigen Verschlossenheit und kennt nicht Liebe zu Gott noch verlässliche Treue zum Nächsten. Der Gierige reißt alles an sich, den Mitmenschen missgönnt er das karge Brot zum Überleben. Er gleicht den Hunden, die überall herumstreunen und nicht zu sättigen sind, er gleicht einem Geier, der nur seiner flatternden Gefräßigkeit lebt. Der wahre Gott bleibt seiner Grobheit fremd, sonst müsste er sich ändern und in Bescheidenheit wandeln."(Hildegard v.B.) - Hildegard sieht die Habsucht als weibliche Gestalt. Sie ist in ein weißes Gewand gehüllt, weil sie als vornehm gelten möchte; es soll so aussehen, als würde sie alles Zusammengeraffte einem edlen Zweck zum Nutzen der Armen zuführen. Sie verhüllt ihr Haupt, weil sie ihr Laster vor der Umwelt verbergen möchte. Ihre Leitbilder heißen Geiz, Profitgier und Maßlosigkeit, dabei sollte sie sich von den Tugenden Freigebigkeit und Genügsamkeit leiten lassen. Habsüchtige verkapseln sich in ihrem Ich und ignorieren fremde Not, sie wollen nicht mit Elend konfrontiert werden. Ihr Laster ist ein allgegenwärtiges Krebsübel und an keine gesellschaftliche Klasse gebunden. In der Berufs- und Partnerwahl spielen bei Habgierigen nicht Sympathie und Eignung eine wichtige Rolle sondern kommerzielle Erwägungen. Freundschaften werden unter dem Blickwinkel der Lukrativität geschlossen, der Anschluss an Vereine, Parteien und Clubs spekuliert auf klingende Münze. Alles muss sich rentieren und rechnen. Der Unersättlich-Habsüchtige schachert Grundbesitz zusammen, leistet sich an allen Sonnenstränden Luxushäuser und sammelt Edelkarossen, der Minderbemittelte dieser Zunft ergaunert sich von sozialen Einrichtungen hemmungslos unverschämte Vorteile. Den Nachkommen hinterlässt er nichts, er reicht weder das, was er von seinen Vorfahren ererbt hat noch das, was er selbst erworben hat, an die nächste Generation weiter. Bis ins hohe Alter kostet er seinen Besitz bis zur Neige aus. - Hildegard stellt der Habgier die Entweltlichung gegenüber, dem Verfallensein ans Irdische die Verachtung jeglichen Tandes. Nichts hat Bestand, nichts wird im Jenseits zählen, wonach der Habsüchtige sein ganzes Leben gejagt hat, kostbares Outfit, Rang, Titel, Grundbesitz und Bankguthaben. Der unablässige Kampf um Befriedigung der Eitelkeit hat ihm die Zeit zum Erwerb bleibender Schätze gestohlen. - "Die aber, die vor dem ewigen Tod fliehen, den Nächsten als Bruder und Schwester ehren, Gott lieben und nach den Freuden ewiger Verheißungen verlangen, sollen sich vor der Habsucht hüten und all ihr Tun Gottes Willen anpassen."(Hildegard v. B.)
Freitag, 9. Mai 2014
Die Ausgelassenheit
"Die Ausgelassenheit ist ein verruchtes Wesen, das mit den ungepflegten Manieren verspielter Menschen dem wechselhaften Wind gleicht. Sie ist unbeständig und heftet ihren Sinn auf alles, was gerade modisch daherkommt. Gott verweigert sie die Ehre und freut sich nicht an ihm. Sie ergötzt sich nur an dem, was sie sich selbst erwählt, daher heißt sie die Eitelkeit der Eitelkeiten und wird nichts anderes als Wertloses ernten. Hat sie sich von einer Liebhaberei getrennt, folgt sofort die nächste. Doch dieser unstete Sinn hinterlässt dauerhafte Spuren. - Die Ausgelassenheit gleicht einem streunenden Hund, der sich auf den Hinterpfoten aufrichtet und sich mit den Pranken an einem aufrechten Stock festhält. Ihre Schritte sind nach rückwärts, zum Teufel gerichtet und dem Geschmack des Irdischen verhaftet. Die Vorderpfoten aber legt sie in Vortäuschung von Rechtschaffenheit auf die Vorschriften des vom Geistigen getragenen Gesetzes." (Hildegard v.B.) - Hildegard versteht unter Ausgelassenheit Zuchtlosigkeit und Ablehnung göttlicher Ordnungen. Die Menschen dieses Lasters verweigern sich außerdem jedem Reifeprozess und der Anpassung an das jeweilige Lebensalter. Die menschliche Existenz hat wie die Natur vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Der Ausgelassene kann sich lebenslang nicht vom Frühling trennen. Frühling bedeutet kindliche Verspieltheit, Sorglosigkeit, Entdeckerlust, Ungebundenheit und Unverantwortlichkeit. Diese Freiheiten mit pädagogischen Einschränkungen dienen der Entwicklung der Persönlichkeit. Im Erwachsenenalter müssen sie durch Erfüllung der Standespflichten in eine ernsthafte Schicksalsbewältigung münden. Auch der Lebensherbst mit dem Rückzug aus dem Beruf hat sein eigenes Gepräge. Er ist Erntezeit, das Ordnen und Überdenken aller Erfahrungen. Wer aber weder den Sinn einer mit Fleiß und Ausdauer erfüllten Lebensarbeit noch die Notwendigkeit einer ehrlichen Bilanz erkennt, verfehlt auch die Chance des Alters. Der Winter ist kein zweiter Frühling, er ist keine Zeit des letztmöglichen Auslebens, der Befriedigung eines eingebildeten Nachholbedarfes, eines peinlichen Jugendwahnes. Er ist die Zeit der Einkehr und Besinnung, der Reue und Wiedergutmachung. - Ausgelassenheit definiert sich durch Oberflächlichkeit, Sprunghaftigkeit, Leichtsinn und Gefallsucht. Diese Eigenschaften gehen am Zweck des Lebens vorbei, der Wandlung zur Innerlichkeit. Das Leben des Ausgelassenen dreht sich immer nur in einem winzigen Kreis von Interessen um die eigene Person, deshalb ist sein Alter armselig. Auch wenn er im Wohlstand lebt, steht er mit leeren Händen da. Er hat seiner Umgebung nie einen nennenswerten Dienst geleistet noch eine selbstlose Verbindung zu anderen Menschen aufgebaut. Noch kläglicher kommt er nach dem Tod im Jenseits an. In seiner verspielten Leichtfertigkeit steht er blind, stumm und taub in einer neuen Umgebung und besitzt nicht einmal die Fähigkeit, Himmelsluft zu atmen.
Samstag, 3. Mai 2014
Der Hochmut
"Hochmut ist die Mutter aller Laster und zieht viele Laster nach sich. Luzifer wollte in Selbstüberhebung über Gott hinaus. Sein Hass kämpfte gegen Gottes Gerechtigkeit, in Ungehorsam sprach er Gott jegliche Macht ab. Seine Ruhmsucht erstrebte, Gott gleich zu sein. Betrügerisch verkündete er Gottes Tod. Er verachtete den lebendigen Gott, um sich einen stummen Gott zu wählen. - Der Hochmut ist nackt, hat einen kahlen Kopf und ein weibisches Gesicht mit feurigen Augen und geschlossenem Mund. Statt Armen und Händen besitzt er Fledermausflügel, Bauch und Rücken fehlen, die Brust ist männlich, Beine und Füße ähneln einer Heuschrecke. Er verabscheut das rechte Wort und verleugnet im Herzen Gott und jeden Wert. Er benötigt keine Hände, weil er niemals gibt und auch keine Geschenke Gottes annehmen will. Seine Fledermausflügel dienen nur dem trügerischen, nächtlichen Flug. Blöd und unverhüllt schreitet er einher, in Gesinnung und Handlung ist er ohne Gewandung des Heiles. Jedem, der Gott als den Allumfassenden anerkennt, erweist er Verachtung." (Hildegard v.B.) - Hochmut ist mit Unzufriedenheit, Eitelkeit und Rücksichtslosigkeit verschwistert. Der Hochmütige flieht vor den täglichen Pflichten und erwartet von einer Karriere Erfüllung aller Wünsche. Um das Ziel zu erreichen, bedient er sich der Ellbogen. Er ist von hündischer Unterwürfigkeit gegen Vorgesetzte, ein Heuchler gegen Gleichgestellte und ein brutaler Sklavenhalter seiner Untergebenen. Hat er sich zur Spitze durchgeboxt, krallt er sich mit allen Mitteln daran fest. Er täuscht Fachkompetenz durch Spitzfindigkeit und einen klaren Kurs durch Spiegelfechterei vor. In seiner stolzer Abgehobenheit besitzt er keine Freunde, er ersetzt sie durch Speichellecker. Seine Umgebung interessiert ihn nur, soweit sie ihn untertänig bewundert, er selbst kennt weder Lob noch Anerkennung oder gar Hilfsbereitschaft. Der Hochmütige ist selbstherrlich und ichverliebt. Ebenso wie sein Vorbild Luzifer vergisst er, dass er Existenz und Talente Gott verdankt. Er rechnet seinen Wohlstand dem eigenen Verdienst zu und bedenkt nicht, dass Gott gibt und auch wieder nimmt, wenn sich der Beschenkte der Gabe als unwürdig erweist. - "Ich sah ein großes Feuer, das überall in schlimmster Glut brannte. Eine Masse schauerlicher Schlangen wimmelte darin. In diesem Feuer werden die Seelen derjenigen gepeinigt, die zu Lebzeiten den Hochmut in Wort und Tat in sich aufkommen ließen. Wenn sie diese Strafen vermeiden wollen, müssen sie in demütiger Abtötung die Prahlsucht und die übermütige Hörigkeit zu den bösen Geistern ablegen. Sie sollen ein Bußgewand tragen, häufig zum Beten niederknien, sich züchtigen und in Seufzen und Tränen ihre Sünden bereuen. Das Bußgewand hindert den Geist daran, sich in eitlem Höhenflug zu erheben, Knien im Gebet führt zu Einkehr und Zerknirschung, die Selbstzüchtigung zermalmt die anmaßende Aufgeblasenheit." (Hildegard v.B.)
Donnerstag, 24. April 2014
Laster und Tugenden
"Auf einem Markt werden die Kostbarkeiten der Menschen und die Freuden der Welt ausgebreitet. Der Teufel selbst bietet die Werte des Todes feil. Würde der Teufel sich den Menschen in seiner ganzen Abscheulichkeit zeigen, so müssten sie vor ihm zurückschrecken. Deshalb sucht er sie heimlich zu täuschen. Wie ein Handelsmann seine Waren ausstellt, so preist der Teufel die verschiedenen Laster hoch an und nennt sie billig, damit die Menschen begierig danach greifen. Die Kauflustigen fallen darauf herein und zahlen ihr gutes Gewissen als Preis und erwerben sich dafür tödliche Seelenwunden. Einige Menschen gehen eiligst an den Schaubuden vorbei. Weil sie Gott erkennen, verachten sie in treuer Erfüllung seiner Gebote die schmutzigen Lockungen des Teufels. Andere schreiten bedächtig und betreiben eifrig Kauf und Verkauf. Es sind die Trägen, die sich nur mühsam zu guten Werken aufraffen. Durch die Schwerfälligkeit ihres Leibes erlischt in ihnen allmählich das Verlangen nach dem Himmlischen. Sie verkaufen es, um dafür die Freuden des Leibes einzutauschen." (Hildegard v.B.) - "Hildegards unabdingbare Konsequenz ihres Gottes- und Menschenbildes ist, dass Gott den Menschen ethisch nicht überfordert, sondern ihn mit dem nötigen Wissen um Gut und Böse ausstattet, das der Mensch anwenden kann und soll. In der Gegenwart Christi am Ende der Zeiten identifiziert sich der Mensch mit seinen hellen und dunklen Seiten : mit seinem Ja zur Kooperation mit Gott und mit dem, was er im Leben schuldig geblieben ist." (H.Gosebrink) - Der Mensch ist von Gott zur Freiheit erschaffen. Sein Ziel ist die Himmelswürdigkeit für die Mitarbeit am Reich Gottes. Wie die Engel kann er sich mit allen Konsequenzen dafür oder dagegen entscheiden. Während des ganzen Lebens hat er täglich die Wahl zwischen zwei Wegen. Da er in seiner Trägheit gern den breiten und ebenen Rundweg dem steinigen Höhenpfad vorzieht, hat ihm Gott Propheten gesandt, die ihn warnen. Eine der vielfältigen Aufgaben Hildegards bestand darin, die Möglichkeiten aller Irrwege in Form der Laster darzustellen und ihnen die Tugenden entgegenzusetzen. Diese sind in der menschlichen Seele keimhaft angelegt und bräuchten nur aktiviert zu werden. Wie aber der Normalmensch nach Ansicht der Hirnforscher nur von einem winzigen Teil seiner Intelligenz Gebrauch macht, lässt er auch diese moralischen Anlagen verkümmern. Brachliegendes Verstandespotential begünstigt bornierten Stumpfsinn, in ethikfreie Seelenareale nisten sich die Laster ein. Hildegard sieht sie in ihren Visionen als grauenhafte Verkrüppelungen mit tierischen Gliedmaßen und als heimtückische Bestien. Die menschlichen Seelen, die sich diese Laster als Lebensgefährten erwählen, werden im Lauf der Zeit von ihnen besessen und nehmen ihre Gestalt an. Einst nach dem leiblichen Tod entsteigen sie ihren Leichen und präsentieren sich in dieser entsetzlichen Abscheulichkeit der Engelswelt. Doch die Seele kann nur rein und wohlgestaltet ins Jenseits eingehen. Ihre entstellte Fratzenhaftigkeit bedarf einer langwierigen und schmerzhaften Umwandlung, bis sie die erforderliche Schönheit erreicht. - "Entscheidend ist Hildegards Lehre, dass jede Menschenseele ein ganzer Kosmos ist, der alle Räume und Zeiten in sich birgt. Hildegards Begriffe von Schuld, Sündenelend, Sühne, Hoffnung, Hölle und Himmel, gerechter Strenge und gnädiger Liebe schaffen ausgedehnte Weiten, Höhen und Tiefen in einem großen, belebenden Spannungsfeld." (B.Widmer)
Freitag, 18. April 2014
Leib und Seele
"Die Seele steht als Herrin im Haus, das Gott für sie gebaut hat. Mit der gesamten Natur wirkt sie im Menschen. Wie die Biene in ihrer Wabe den Honig bildet, vollendet der Mensch mit der Erkenntniskraft der Seele seine Werke. Durch sie gedeiht der Mensch in allen Teilen seines Leibes, sie erfüllt Fleisch und Blut und macht sie lebendig. Leib und Seele sind eine einzige Wirklichkeit. Das ist das Wesen des Menschen : Handelt er recht, bleiben Körper und Seele in der richtigen Spur. Verfällt er aber schlechten Taten, lenkt er strafende Schicksalsschläge auf sich." (Hildegard v.B.) - Leib und Seele sind trotz inniger Gemeinschaft Gegensätze, die sich häufig behindern. Der Leib ist sichtbar und messbar, die Seele unsichtbar und kann sich der Umwelt nicht unmittelbar mitteilen. Dennoch ist die Seele in dieser Partnerschaft der wichtigere Teil. "Wie das Feuer Licht ins Dunkel gießt, gibt die Seele dem Körper das Leben. Sie führt den göttlichen Auftrag aus, wenn sie die heiligen Werke in ihrer leiblichen Wohnung vollendet. Die Seele durchfließt den Leib wie der Saft den Baum. Der Saft bewirkt, dass der Baum grünt, blüht und Früchte trägt. Darum erkenne, o Mensch, welcher Schatz deiner Seele fehlt, wenn du das Gut der Erkenntnis von dir wirfst und dich auf gleiche Stufe mit den Tieren stellst." (Hildegard v.B.) - Ein Mensch ohne religiöse Bindung ist sich seiner Seele nicht bewusst. Auch Anthropologie, Medizin und Psychologie können ihn nicht aufklären. Sie kennen die Seele nur als eine Funktion des Körpers, nicht als eigenständige, eigengesetzliche Dynamik. Sie beschränken sich auf den Leib als Forschungs- und Therapiemodell und unterschlagen seine metaphysische Seelenhaftigkeit. Diese Betrachtungsweise führt zu fundamentalen Irrtümern. Der seelenfreie Leibmensch ist ein Torso und nur die Karikatur des Menschen. Er gleicht einem Baum ohne Wurzel und Wipfel, da er nicht im göttlichen Urgrund ruht und sich nicht zur Überwelt ausstreckt. Nur die Seele des Menschen ist seine Verbindung zum Jenseits. Als Geschenk Gottes ist sie sein Gewissen, sein Leibwächter, aber auch der im Leben angereicherte Schatz, den er einst seinem Richter vorweisen muss. - "Wenn die Zeit zum Abbruch des Zeltes gekommen ist, wandert die Seele seufzend aus und überlässt unter Zittern ihre Wohnstätte dem Verfall. Sie fürchtet das bevorstehende Verhör des ewigen Richters, denn nun erkennt sie Makel und Verdienste ihrer Werke nach dem strengen Urteil Gottes. Während die Seele sich entlöst, kommen lichte und finstere Gestalten herbei, die Genossen ihres Wandels, die Zeugen all der Werke, die sie im Leib vollbracht hat." (Hildegard v.B.)
Freitag, 11. April 2014
Satan und Antichrist
"Die höllische Schlange ist schwarz, stachelig und voll von Geschwüren. Bis ihr wahnwitziges Wüten am Jüngsten Tag ein Ende haben wird, weht sie unentwegt die fünf Sinne des Menschen mit vielgestaltigen Lastern an und sucht sie durch vorgetäuschte Rechtschaffenheit auf die Abwege ihrer unsauberen Kunst zu ziehen. Sie ist voll tödlicher Gifte, seelenmordende Leidenschaften quellen aus ihr, gottfremde Traurigkeit, unziemliche Schamlosigkeit, trügerischer Ehrgeiz, bissige Verleumdungssucht, schändliche Heuchelei. Aber ihr Haupt ist zerschmettert und um den Nacken, die Hände und Füße des Ungeheuers ist eine Kette geschlungen. Und doch speit der Rachen des Tieres Flammen, denn selbst jetzt noch, gefesselt und vernichtet, bricht aus seiner raubtierigen Gefräßigkeit die grausame Brunst gottloser Verführung." (Hildegard v.B.) - "In der Heilsgeschichte geht es von Anfang an um die Teilhabe des Menschen an göttlicher Erkenntnis. In der Endzeit kommt es zu fast totaler Verdunkelung. Einst umnebelte der Teufel durch die Verführung im Paradies die Klarheit der menschlichen Seele. Mit Christus und der Kirche gewann Gott den Menschen zurück, nun holt Satan erneut zum Großangriff aus und verbündet sich mit dem Antichrist. Gott lässt dieses Werkzeug des Teufels zu, weil er mit ihm etwas Besonderes zeigen will. Er nimmt die Verantwortung des Menschen ernst, das Unheil durch das Wirken des Antichrist passiert nicht automatisch, sondern als Folge falscher Wahrnehmung. Der Mensch ist aber mit seiner inneren Erkenntnis so ausgerüstet, dass er sehr wohl zwischen wahrem und falschem Christus unterscheiden könnte. " (H.Gosebrink) - Während des ganzen Erdenlebens Christi stand Satan in seiner Nähe. In der Wüste ist er ihm persönlich begegnet. Die übrige Zeit agierte er im Verborgenen und verhetzte die Volksmenge und auch die Apostel, Jesus von seinem göttlichen Auftrag abzubringen, ihn abzulehnen, zu verlassen und zu verraten. Christus triumphierte durch Kreuzestod und Auferstehung über alle Teufelsränke. Doch selbst der gefesselte Satan besaß noch genügend Kraft, durch seinen Handlanger die Kirche zu verfolgen. Sohn Antichrist ist eine ebenso schillernde Persönlichkeit wie Vater Satan. Er trägt viele Masken, im Lauf der Geschichte nimmt er häufig Gestalt an in Königen, Führern und Fürsten, die mit Grausamkeit herrschen, Leichenberge und verbranntes Land hinterlassen. Oft auch lodert sein Hass in politischen Ideologien auf, die wegen ihrer Primitivität die Menschen faszinieren. Er predigt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Doch seine Phrasen führen in Folterkeller, Eroberungskriege, Entrechtung, Enteignung und Massenvernichtung. Der Antichrist ist eine Parodie auf Jesus. Auch ihm gelingen Wunder. Sie bestehen aus technischen Errungenschaften, der Manipulation menschlicher Erbsubstanz, der Eroberung des Weltraums. Er verdrängt Gott als Schöpfer und Christus als Erlöser mit der These einer zufälligen Entstehung des Lebens durch einen Urknall und der Bedeutungslosigkeit der Erde im unendlichen Kosmos.. - Luzifer in seinen verwirrenden Verkleidungen neidet dem Menschen seinen Leib, seine Seele und die Möglichkeit, einst in den Himmel heimzukehren. Er weiß, dass es nur einen einzigen sicheren Weg gibt, dem Menschen seine Würde zu rauben und in den teuflischen Machtbereich hinabzuziehen. Wenn sich der Mensch zum Tier degradiert und wie dieses in Nacktheit seine ungezügelten Triebe auslebt, wird seine unsterbliche Seele verkommen und ihre Gnade verspielen, nach dem irdischen Tod im Weiterleben der Seele den Himmelsglanz der Engel zu erlangen.
Donnerstag, 3. April 2014
Der Priester
" Nach der Himmelfahrt des Herrn schwebte das Feuer des Heiligen Geistes über den Aposteln und erleuchtete sie mit allem Wissen um himmlische und irdische Dinge. Durch den Samen der Worte Gottes sind die Jünger des Herrn zum Heilkraut des wahren Glaubens geworden. Wer Christus in der Geborgenheit der Kirche nachfolgen will, für den gilt sein Wort: Wer immer sein Haus, seine Brüder und Schwestern, Vater und Mutter, seine Kinder oder seine Äcker um meines Namens willen verlässt, der wird Hundertfältiges erhalten und ewigen Lohn ernten. Christus gab das Beispiel, sich selbst und allem zu entsagen. Es war notwendig, dass der Sohn Gottes am Ende der Zeiten kam. Mit den Lenkern der Kirche, mit Priestern, Einsiedlern, mit der Schlachtreihe der Geistlichen, mit frommen Eheleuten, mit Büßern und den Menschen der Selbstbeherrschung hat er Gottes Werk vollendet." (Hildegard v.B.) - Im Christentum ist der Priester Stellvertreter Christi auf Erden. Lebensweise und Richtlinien des Herrn haben sein Berufsbild bestimmt und die hierarchische Ausformung der Kirche durch den Primat des Petrus vorgegeben. Jesus lebte zölibatär und in einfachen Verhältnissen. Auch der Priester ist der Welt entzogen, um nur Gott und seinen Mitmenschen zu dienen. Gott gibt ihm dafür Rechte wie keinem anderen Beruf. Er darf Sünden vergeben, Brot und Wein in Christi Leib und Blut verwandeln, Sterbenden Wegzehrung reichen für den Eintritt in die jenseitige Welt. - Die Sündenvergebung durch die Beichte ist mehr als eine Minimal-Psychotherapie. Sie setzt Gewissenserforschung und Reue voraus. Die Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und eine tiefgreifende Umkehr nimmt nicht Maß an der jeweils geltenden gesellschaftlichen Liberalität, sondern an göttlichen Moralnormen, ohne die auf Dauer jeder Mensch und jede Staatsform in der Katastrophe endet. - Wie für den Mönch gilt auch für den Weltpriester die benediktinische Forderung:" bete, arbeite und lese". Ein guter Priester muss ein leidenschaftlicher Beter sein, der alle Anliegen seiner Gemeinde, seiner Stadt, seines Landes, der Sünder, Kranken, Sterbenden und Verstorbenen zum Ohr Gottes emporreicht. - Sein geistiges Bemühen um die Gotteswissenschaft soll er nicht mit dem Staatsexamen abschließen, sondern sich lebenslang weiterbilden. Es ist dabei ratsam, die Interessen über den Tellerrand des Pflichtwissens auszudehnen. Ein Priester sollte sich auch über alle spirituellen Strömungen jenseits der theologischen Orthodoxie informieren und sich eine vorurteilsfreie Meinung bilden, welche Wege zur Wahrheit und welche von ihr wegführen. - Priester sind Dolmetscher. Sie haben die heikle Aufgabe, den Gläubigen die oft schwerverständlichen Texte der heiligen Schriften nahezubringen, zu vereinfachen, ohne zu verniedlichen und auszudeuten, ohne zu verfälschen. - "Sobald ein Priester mit den heiligen Gewändern bekleidet an den Altar tritt, kommen Engel in hellem Lichterglanz vom Himmel und umfluten den Altar. Mit dem "Sanctus, Dominus Deus Sabaoth" beginnt das unaussprechliche Mysterium. In diesem Augenblick öffnet sich der Himmel. Ein feuriges Blitzen von lichter Klarheit fällt auf die Opfergaben nieder und durchströmt sie ganz mit Herrlichkeit. Und der blitzende Schein trägt sie in unsichtbare Höhen und lässt sie wieder auf dem Altar nieder. Obwohl nun die Opfergaben für das Auge der Menschen noch das Aussehen von Brot und Wein haben, sind sie doch in wahres Fleisch und wahres Blut verwandelt. Wenn sich nach Vollendung des heiligen Geheimnisses der Priester vom Altar entfernt, zieht sich auch der Lichtglanz in die Verborgenheit des Himmels zurück." (Hildegard v.B.)
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Freitag, 28. März 2014
Die Kirche
"Hildegard beschreibt die Kirche als Frau, die ständig schwanger ist. Ihr Leib gleicht einem riesigen Netz mit vielen Öffnungen, durch die schwarze Kinder in sie eingehen. Sie zieht sie nach oben und gebiert sie mit dem Mund. Unterwegs verlieren diese Kinder ihre schwarze Haut und kommen mit weißen Gewändern aus ihrem Mund hervor. Das Bild vom Netz erinnert an den Menschenfischer Christus. Die weibliche Gestalt der Kirche ergibt sich daraus, dass Christus auf Erden die weibliche, erbarmende Seite Gottes verkörpert hat. Die Geburt aus dem Mund entlässt den getauften Menschen keineswegs aus der Kirche, er ist nun im Gegenteil ihrem Wort und ihrer Weisung unterstellt. Im Reden der Kirche wird Christus selbst hörbar. Er mahnt mit den Worten der Wahrheit, die altgewohnte Bosheit abzulegen und das neue Geschenk der Gnade zur Rettung anzunehmen." (H.Gosebrink) - Bei Christi Kreuzigung wurde die Kirche aus dem Blut seiner Wunden geboren, an Pfingsten erhob sie sich aus Geist und Wasser zu ihrer gültigen Form. Von den Aposteln als den ersten Lehrern stammen alle nachfolgenden ab. Die Kirche reicht das Evangelium des Herrn von Generation zu Generation weiter, sie kümmert sich um das rechte Maß des menschlichen Daseins und sorgt für Ausgeglichenheit im Feiern und Fasten. Dadurch wacht sie darüber, dass nicht übertriebene Strenge oder gleichgültige Verweichlichung die Menschen verderben. Die Kirche empfing Liebe, Demut und Frieden als bräutliche Mitgift. Gott ist Liebe, in der Demut Christi wurde Gott Mensch. Vom Himmel brachte Christus den Frieden, um den die schwankende Welt immer von neuem kämpfen muss. Noah, Abraham und Moses deuten bereits auf die kommende Kirche hin. Die Arche Noahs schuf Geborgenheit inmitten der tosenden Sintflut, Abrahams Gehorsam erbaute in der himmlischen Stadt einen mächtigen Turm, Moses errichtete aus dem Gesetz die Säulen des Hauses Gottes. Doch erst In Christus vermählten sich Gesetz und Gehorsam, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. - Gottesglaube ohne Kirche ist eine Illusion. Glaube bedarf der Ordnung und Struktur. Die Annäherung an Gott vollzieht sich nur schrittweise, sie muss durch Wissensvermittlung und Gebetskultur konsequent eingeübt und vervollständigt werden. Die Liebe Gottes, seiner Engel und Heiligen kommt erst dann in Fülle zu den Menschen, wenn sie dafür aufnahmefähig und zum dankenden Lobpreis bereit sind. Diese Voraussetzungen kann nur die Kirche schaffen, wenn sie den Blick ohne Heuchelei und gefällige Weltanpassung unbeirrt auf Gott richtet. - "Christus hat in seiner Menschwerdung die Kirche als Turm und Festung gegen die Bosheit des Teufels aufgerichtet. Sie erstrahlt noch nicht im fertigen Werk der Vollkommenheit, doch ist ihre Herrlichkeit im Wissen Gottes als festes Fundament verborgen. Auch der Turm selbst ist noch nicht ausgebaut, doch schaffen viele Arbeiter eifrig und mit großer Geschwindigkeit daran. Mit Sorgfalt und Mühe schreitet das gewaltige Bauwerk unaufhaltsam im Wechsel der dahingleitenden Zeiten der vollen Ausgestaltung entgegen." (Hildegard v.B.)
Freitag, 21. März 2014
Maria
"Im Geheimnis Christi ist Maria die bräutlich gesinnte jungfräuliche Mutter des Gottessohnes und dessen Gehilfin beim Werk der Erlösung. Im Geheimnis der Ecclesia ist Maria durch ihre einzigartige Freistellung von der Ursünde das hervorragendste Glied der christlichen Gemeinschaft, geistliche Mutter aller Geretteten und der Kirche. Ihre Gnadenfülle überragt alle übrigen Menschen und sogar die der Engel. Sie nahm am Erlösungswerk Christi und als zweite Eva am Heil der Menschheit entscheidenden Anteil, wie umgekehrt die erste Eva das Unheil der Menschheit mitverursachte." (F.Holböck) - "Wundersam wirkte der Heilige Geist aus der Kraft des Vaters himmlische Geheimnisse in der seligen Maria und Glorienschein umleuchtete sie, weil Gottes Sohn aus der Züchtigkeit eines Mägdleins den einzigartigen Glanz unbefleckter Fruchtbarkeit entsandte. Denn in der adeligen Jungfrau erfüllte sich alle Sehnsucht der gefallenen Welt, die Menschwerdung Gottes." (Hildegard v.B.) - "Dein Sohn ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden. Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen." (Lk. 34,35) - Maria spielt im Katholizismus eine wichtige Rolle. Kritiker äußern immer Vorbehalte, ihre Verehrung könne in Anbetung ausarten und den Blick auf Christus verstellen. Das ist aber falsch, denn ihre Bedeutung besitzt nur eine beschränkte Eigenständigkeit. Ihr Leben ist Jesus so eindeutig untergeordnet, dass ihre Wertschätzung in erster Linie ihm gilt und die Gläubigen zu ihm hinführt. - Im Augenblick der Erscheinung des Engels Gabriel veränderte sich schlagartig das Leben Mariens. Das jüdische Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen hatte eine gute religiöse Erziehung genossen. Ihre Familie bestimmte ihr einen Bräutigam und verlobte sie mit dem Zimmermann Josef. Doch der Himmel hatte andere Pläne. Der Gottessohn wollte durch sie Mensch werden und sich mit einem menschlichen Leib bekleiden. Er erwählte die Jungfrau als seine Mutter, ihre Verwandten als seine Geschwister und ihren Bräutigam zu seinem Pflegevater. Die Botschaft des Engels war für Maria in ihrer vollen Tragweite schwerverständlich, doch gab sie ihr Einverständnis. In der Empfängnis seines Sohnes, in der Empfängnis Mariens durch ihre Mutter Anna und in der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel hat Gott die irdischen Naturgesetze außer Kraft gesetzt. Er hat sich für sein Herabsteigen in die Weltlichkeit eine von jeder menschlichen Vulgarität unberührtes Umfeld erwählt. - Für Hildegard ist Maria Gottesmagd und Lebensgrund. Sie hat der Welt den vom Himmel gesandten Retter geboren und damit ein neues Haus des Heiles errichtet. Durch ihre Mutterschaft war sie die mächtigste Gehilfin des Messias und hat wesentlich mitgewirkt, die Macht des Todes zu erschüttern und die Schlange der Gottesfeindschaft zu vernichten, die sich einst in Eva hochmütig aufreckte. Sie hat in ihrem Sohn der Welt das Heil geschenkt.
Freitag, 14. März 2014
Die Dreifaltigkeit
"Gott existiert nicht in isolierter Einsamkeit, sondern verwirklicht in sich die personale Lebensfülle der Liebe als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Als diese Liebe teilt er sich in der Menschwerdung des Sohnes und der Sendung des Geistes der Welt mit." (C.Schütz) - "Durch die neutestamentliche Offenbarung der Dreipersönlichkeit Gottes wird am überlieferten Monotheismus des Alten Testamentes nicht gerüttelt. Die Einzigkeit Gottes war die unverrückbare Grundlage, auf der sich die Ausfaltung des Innenleben Gottes aufbauen konnte. Die fortschreitende Enthüllung des Trinitätsgeheimnisses begann im Alten Testament als allgemeine Vaterschaft Gottes und trat im Neuen Testament als einzigartige Vaterschaft Gottes seines wesensgleichen, menschgewordenen Sohnes in Erscheinung. Dass Gott nicht nur als Vater und Sohn, sondern auch als eine von Vater und Sohn real verschiedene Person als Heiliger Geist existiert, offenbarte sich als allmählich fortschreitende Selbsterschließung. Erst bei den Abschiedsreden Jesu im Abendmahlsaal wurde eindeutig klar, dass der Heilige Geist nicht Vater und Sohn, aber trotzdem eine göttliche Person ist, die von Vater und Sohn zur Heiligung und Einigung der Menschheit in die Welt gesandt wird. " (F.Holböck) - "Ein überhelles, makelloses Licht sinnbildet den Vater. Und darin eine saphirblaue Menschengestalt. Sie zeichnet den Sohn, der seiner Gottheit nach vor aller Zeit aus dem Vater gezeugt, seiner Menschheit nach in der Zeit zur Welt geboren wurde. Seine Gestalt brennt durch und durch im sanften Rot funkelnder Lohe. Sie weist auf den Heiligen Geist hin, von dem der Eingeborene Gottes dem Fleische nach empfangen und aus der Jungfrau geboren, der Welt das Licht der wahren Herrlichkeit ergoss. Untrennbar sind sie in der Majestät Gottes, unverletzlich und ohne jede Veränderlichkeit lebt die eine Gottheit in den drei Personen.." (Hildegard v.B.) - Die sakrale Kunst hat im Lauf der Jahrhunderte mehrere Möglichkeiten gefunden, die Einzigartigkeit der christlichen Gottesvorstellung abzubilden, wobei ihr bewusst war, dass nur ungefähre Annäherungen in menschliche Vorstellbarkeit passen. Diese Darstellungen reichen von symbolhaften Zeichen, dem Dreieck und den drei sich durchdringenden Kreisen bis zum trinitarischen "Gnadenstuhl". Eine originelle Perspektive findet sich auf dem Schwarzenfelder Altarbild. Vater und Heiliger Geist sind als Männer in reifem Alter dargestellt und unterscheiden sich nur in der Kleidung und den Insignien ihrer Bedeutung. Gottvater ist goldgewandet, der Heilige Geist trägt Rotgewandung als Andeutung des Feuers und die in Brustmitte schwebende Taube. Beide Gestalten halten mit je einer Hand das Kreuz, das sie mit liebevoller Vorsicht auf den Sohn herablassen. Jesus in der Bildmitte ist in graues Bußgewand gehüllt. Er umfasst beherzt den vom Himmel bis auf die Erde reichenden Längsbalken des Kreuzes und zieht ihn an seinen Leib. Sein Gesicht zeigt Gelassenheit und zuversichtliches Einverständnis zum weisheitsvollen Plan des Vaters. - Die Dreifaltigkeitslehre wird erst dann aus ihrer Abstraktion herausgelöst, wenn es dem Menschen gelingt, im innerlichen Gebet Kontakt zu den drei Aspekten der Göttlichkeit aufzunehmen und das unermüdliche Wirken des Schöpfers, die Erlösungskraft Christi und die alle kosmischen Geheimnisse enthüllende Lichtfülle des Heiligen Geistes wahrzunehmen und damit seinen Alltag zu verklären.
Freitag, 7. März 2014
Der Heilige Geist
"Der gläubige Mensch muss durch die Salbung des Lehrers aus der Höhe geschmückt und gefestigt werden. Nur dann wird er in all seinen Gliedern zur Erwerbung der Seligkeit ausgerüstet sein und zur Ausgestaltung der ihm verliehenen Schönheit gelangen." (Hildegard v.B.) - "Die Erkenntnis des Heiligen Geistes ist das konkreteste Thema von Glaube und Theologie, weil hier das Zusammengehören von Gott und Mensch zur Debatte steht. Sie ist zugleich die höchste Aufgabe, weil im Wissen um den Geist alles Wissen des Menschen zur Weisheit wird." (Hegel/Schütz) - "Der Geist Jahwes wurde von den Propheten als die größte göttliche Gabe der messianischen Heilszeit angekündigt. Dabei ist dann diese Gabe des Heiligen Geistes nicht mehr auf einzelne auserwählte Männer beschränkt, sondern wird allen Gliedern der messianischen Heilsgemeinschaft geschenkt." (F.Holböck) - Die sakrale Kunst stellt Gottvater und Christus in menschlicher Gestalt dar, die Signaturen des Heiligen Geistes sind meist Taube, feurige Zungen, Flämmchen oder fackelartige Strahlen. Er ist mehr eine Emanation als eine Person. - Bevor Jesus in den Himmel entrückt wurde, gab er seinen Jüngern das Versprechen, den Heiligen Geist als Wegweisung, Erleuchtung und Trost zu senden. Diese Herabkunft geschah in einer überwältigenden Form, einer Explosion von Licht, einem Feuerregen. Pfingsten formte aus einfachen Fischern erleuchtete Menschenführer und aus ängstlichen Gottsuchern todesmutige Verkündiger. Die Ausgießung des Heiligen Geistes beschränkte sich nicht nur auf die Jünger des Herrn. Die Apostel traten aus der Abgeschiedenheit des Abendmahlsaales hinaus unter die Menge der Fremden aus vielen Nationen und predigten ihnen ohne Scheu. Ihre Rede wurde in allen Sprachen verstanden und drang bis ins Innerste der Zuhörer. Demütig beugten sie sich und ließen sich auf den Namen Jesu Christi taufen. - Für Hildegard ist der Heilige Geist ein klarer Quell, das Feuer der Liebe und der Wohlduft der Tugenden. Er spendet Leben, bewegt das All, ist Schutzwehr und Hoffnung auf Einheit. Er sendet der Welt Menschen voll Einsicht, die beglückt sind vom Glutstrom der Weisheit. - Der Heilige Geist ist ein Geschenk für alle Menschen. doch wie jedes Geschenk kann er verschmäht werden. Die sieben Gaben und zwölf Früchte des Geistes teilen sich nur einer geistgeöffneten Seele mit. Dazu bedarf es des Hungers und des Durstes. Wer von den weltlichen Gütern vollauf gesättigt wird und kein Sehnen nach Spiritualität kennt, zieht das Minderwertige dem Wertvollen vor. Mehr als das, er verdirbt sich durch sein ausschließliches Verlangen nach amüsanten Surrogaten das Gespür für die Köstlichkeit des göttlichen Odems.
Freitag, 28. Februar 2014
Die Auferstehung
"Die Herrlichkeit des Vaters berührte den adeligen Leib des Gottessohnes und so empfing Er seinen Geist zurück und erstand in strahlender Unsterblichkeit. Ihn stellte der Vater mit enthüllten Wunden den himmlischen Chören dar. Darüber erwachte bei ihnen eine unermessliche Freude, denn nun ist die böse Vergangenheit niedergerungen, in der Gott nicht mehr erkannt wurde. Die menschliche Vernunft, die durch die Einflüsterung des Teufels darniederlag, ist zur Erkenntnis Gottes erhoben. Dem Menschen ist der Weg der Wahrheit eröffnet und er ist vom Tod zum Leben zurückgeführt." (Hildegard v.B.) - Jesus hatte zu Lebzeiten mehrmals seine Ermordung und Auferstehung vorhergesagt. Die tatsächliche Verwirklichung lag aber so weit außerhalb jedes Vorstellungsvermögens, dass Christi Worte von den Aposteln überhört wurden. Seine Gefangennahme und Hinrichtung war für sie ein erschütternder Schock, der sie in Flucht, Angst und Verzweiflung trieb. - In den drei Tagen der Grabesruhe geschah außerordentlich viel. Nach dem Sterben seines Leibes stieg Jesus in das Reich des Todes hinab, in den großen Wartesaal der Unerlösten. Hier lebten die Seelen der Abgeschiedenen seit Adam in der Hoffnung auf Befreiung. Der Gottessohn öffnete weit die Kerkertore, nun durften die Harrenden endlich nach Jahrtausenden das Land der Düsternis verlassen..- Christi Auferstehung war ein plötzlicher, blitzartiger Vorgang, völlig verschieden von der Auferweckung des Lazarus. Der erste Hinweis war das leere Grab, das von mehreren Personen aufgesucht wurde. Den beiden Aposteln bedeuteten Engel, dass Jesus lebt. Von den Frauen aus seiner Anhängerschaft, die den Leichnam einbalsamieren wollten, sah nur Magdalena den Herrn, doch sie erkannte ihn erst, als er sie mit ihrem Namen ansprach. In den nächsten Tagen erschien Christus seinen Aposteln und Jüngern. Er war der Rabbi, der mit ihnen drei Jahre lang heilend und predigend durch Galiläa gezogen war, dennoch erschien er ihnen jetzt unbegreiflich verändert. Petrus, Johannes und Jakobus hatten ihn einst auf dem Berg Tabor in seiner Verklärung gesehen, Nur sie erkannten in dem Auferstandenen sofort den Verklärten wieder. Er ging durch verschlossene Türen, tauchte plötzlich aus dem Nichts auf, sprach mit ihnen, segnete und erteilte Weisungen für die Zukunft. Er begleitete unerkannt die beiden Emmausjünger eine weite Wegstrecke und erklärte ihnen den Sinn des Lebens und Sterbens Christi. Erst als er das Brot brach, fiel es wie Schuppen von ihren Augen. - Hildegard bringt die Auferstehung des Herrn in eine enge Beziehung zur Auferstehung aller Menschen. Der wesentliche Unterschied besteht aber darin, dass Christus mit Leib und Seele auferstanden ist. Von den sterblichen Menschen überlebt nur die Seele den Tod, während der Erdenleib im Grab verwest. Erst am Jüngsten Tag nach dem Weltuntergang wird Gott die Seelen der Gerechten mit einem neuen Leib bekleiden, der aber dann nicht mehr welttauglich sein muss, sondern ausschließlich himmelstauglich ist.
Freitag, 21. Februar 2014
Der Gekreuzigte
"Vom ungläubigen Volk verworfen und zum Leiden geführt vergoss er sein Blut und kostete die Nacht des Todes an seinem Leibe. Aber gerade dadurch überwand er den Teufel und befreite seine Auserwählten aus der Macht der Hölle, von der sie niedergestreckt waren. Er berührte sie durch seine Erlösung und führte sie barmherzig zu ihrem Erbe zurück, das sie in Adam verloren hatten." (Hildegard v.B.) - Das Scheitern des Gottessohnes, Ablehnung, Verfolgung und Kreuzestod waren schon weit vor seiner Menschwerdung fest eingeplant und geschahen nach dem Willen der Dreifaltigkeit. Jesus war der Geopferte für alle Sünden der Welt. Doch er opferte sich freiwillig, die Größe seines Opfers entsprach dem Sündenmaß der Menschen vom Sündenfall Adams bis zu seinem Jahrhundert. - Selbst in der modernen Zeit mit ihren zur perfiden Perfektion ausgereiften Foltermethoden, gilt die von den Römern bevorzugte Kreuzigung als die grausamste aller Hinrichtungsarten. Dennoch waren Art und Zeitpunkt des Todes Christi keine unheilvolle Verkettung zufälliger Umstände, sondern der Schlussakt einer tragischen Entwicklung. Leben und Lehre Jesu, seine schwerwiegenden Anklagen gegen das Establishment, das Ignorieren sinnentleerter Gesetze, der Anspruch auf Anerkennen seiner Göttlichkeit waren für die religiösen Würdenträger eine Provokation und selbst für seine Jünger eine Zumutung. Daran änderten auch seine spektakulären Wunder nicht viel, die Verwandlung von Wasser in Wein, die Brotvermehrung, das Gehen über einen sturmgepeitschten See, die Heilungen und Totenerweckungen. Sie bewirkten bei den zahlreichen Augenzeugen keinen tiefgreifenden Sinneswandel, denn sie wurden nicht in ihrer Bedeutung erkannt, dass nur der Schöpfer der Welt die Macht besitzt, Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Die sukzessive Eliminierung Jesu war von langer Hand vorbereitet und gipfelte in einer Häufung von Schändlichkeiten : Verrat, bestochenen Zeugen, einem Schauprozess, der bestialischen Folterung und Dornenkrönung bis zu dem sich mehrere Stunden hinziehenden Todeskampf. - Wenn es auch zynisch klingt, so war dennoch die Kreuzigung Christi der wesentliche Schlussakkord seines Auftrags. So wichtig sein Erdenwandel mit der Berufung der Apostel und der Verbreitung seiner Lehre war, die Erlösung des Menschengeschlechtes von der Sündenschuld, die Entmachtung Satans, die Öffnung der Himmelspforte konnte nur durch das Opfer seines Lebens in der alle Vorstellungskraft übersteigenden Grausamkeit der Kreuzigung geschehen.
Freitag, 14. Februar 2014
Der Lehrer
Jesus predigte in den Synagogen, Dörfern und Städten, er verkündete überall die rettende Botschaft, dass Gottes neue Welt begonnen hatte. Seine schwerste Aufgabe bestand darin, die Zuhörer von seinem messianischen Auftrag zu überzeugen. Vor allem die Schriftgelehrten begegneten ihm mit größtem Unverständnis. Sie wussten von ihren Propheten, dass Gott einen Messias senden würde, doch verbanden sie damit feste Vorstellungen. Er sollte ein mächtiger Herr sein, ein reicher König, ein Heerführer, der sie von der römischen Bedrückung befreit und sie mit Kriegsglück im Kampf gegen alle Feinde segnet. Der Nazarener Jesus aus ärmlichen Verhältnissen war das genaue Gegenteil. - Gott hatte einst sein Volk durch das Gesetz des Moses an sich gebunden, jede menschliche Tätigkeit musste auf ihn bezogen sein. Das führte im Lauf der Zeit zu einer starren Routine, denn das wortgetreue Befolgen der bis ins kleinste Detail festgelegten Ess-, Trink-, Heirats- und Gebetsregeln war den Priestern wichtiger als glaubende Hingabe und das freie Emporschwingen der Seele zu Gott. Jesus hob das mosaische Gesetz nicht auf, sondern komprimierte es auf die Hauptfaktoren Gottesliebe und Nächstenliebe. Er ging in der Umsetzung des Gesetzes noch weiter, er forderte sogar Feindesliebe. Frieden in der Welt kann es nur geben, wenn bei Auseinandersetzungen einer der beiden Kontrahenten trotz Beleidigung, Schädigung und Verletzung auf Vergeltung verzichtet. Noch etwas völlig Neues brachte er den Menschen, das Antlitz des lebendigen Gottes. Gott ist nicht mehr der unendlich Ferne, dessen lichtstrahlenden Anblick die Menschen nicht ertragen können. Er ist in seinem Sohn zu den Menschen gekommen, er ist zu ihrem Bruder geworden, arm wie sie. - Jesus gab seinen Aposteln und Jüngern genaue Anweisungen für die Ausbreitung seiner Lehre. Sie sollten ein Evangelium der Liebe, der Genügsamkeit, des Friedens, der Hilfsbereitschaft und des Verzeihens verkünden. Die Annahme dieser Forderungen setzte eine Abkehr von der allgemein menschlichen Ichsucht voraus. Das "Ich" muss für das "Du" wirken, beide sind eingebettet in Gott. Der Einzelne dient der Welt und wird von ihr getragen. Die Welt ist hingeordnet auf einen liebenden, allgegenwärtigen Gott, sie ist sein Werk und kehrt einst in verwandelter Form zu ihm zurück. - Jesus wusste, dass sich die Welt leidenschaftlich gegen seine Lehre zur Wehr setzen wird. Welt giert unersättlich nach Macht, Reichtum und Genuss. Sie ist nur schwer zu überzeugen, dass diese Wege im katastrophalen Nichts enden. Bei hartnäckiger Ablehnung befahl Jesus seinen Jüngern, weiterzuziehen und keinem die Wahrheit aufzuzwingen. Er verglich seine Botschaft mit Saatkörnern und nahm es in Kauf, dass viele nicht aufgingen. Er prophezeite aber seinen Jüngern, dass diejenige Saat, die nicht auf steinigen Boden fällt, in der Hitze verdorrt oder von Schmarotzern vertilgt wird, reichste Frucht tragen wird.
Freitag, 7. Februar 2014
Der Arzt
Durch den Sündenfall ging ein tiefer Riss durch die Schöpfung. Aus Heil wurde Unheil, aus Geborgenheit Verlorenheit, aus Schönheit Entstellung. Mit ihrer Zuwendung zu Luzifer zerstörten Adam und Eva das innige Verhältnis zu Gott. Die Geschenke Luzifers erwiesen sich als Leid, Verdummung, Hunger und Tod. Zu dieser Verelendung summierten sich im Laufe der Geschichte noch die zahllosen Krankheiten, die sich die Menschen durch ihre widersinnige Lebensweise und das Weiterreichen ihrer Makel an die nächsten Generationen selbst zufügten. - Christus kam als der Arzt aller Krankheiten zu den Menschen. Bevor die Zeitzeugen Christi Worte vom Himmelreich und von der neuen Lebensform hörten, brachten sie ihm ihre Kranken, die Lahmen, Blinden, Taubstummen und Aussätzigen. Er blickte sie an und sah bis auf den Grund ihrer Seele, ihre Verstrickungen in Sünde und Schuld, ihre Süchte und Laster. Er heilte sie plötzlich und dauerhaft. Durch Wunderheilungen legitimierte er seine göttliche Macht und veränderte das Schicksal der Geheilten. Dem Blinden wurde die Farbigkeit der Welt geschenkt, der Lahme aufgehoben aus Schmerzen und Nutzlosigkeit, der Taubstumme hörte die bezaubernde Melodie der Welt und konnte seine Gedanken ins gesprochene Wort fassen, der Aussätzige war von seinen grauenhaften Entstellungen befreit und wieder menschlicher Nähe würdig. Christus traf die Kranken auf der Straße, er erlebte sie hilflos, vereinsamt und verachtet. Die Voraussetzung seiner Heilungsbereitschaft war aber immer, dass sich der Kranke seines Krankseins bewusst war. Er konnte nur geheilt werden, wenn er sich nicht mit seinem Elend arrangierte, es nicht wie eine mitleiderregende Maske vor sich hertrug. Er musste sich mit allen Kräften nach Wohlbefinden sehnen, um seine Lebensarbeit erfüllen zu können. - In den Heilungsberichten nehmen die Befreiungen aus dämonischer Besessenheit einen wichtigen Raum ein. Die von der Schulmedizin infizierte Theologie hat diese Teufelsaustreibungen als "Heilungen von Psychosen" verharmlost. Das ist eine unstatthafte Übertünchung der evangeliengestützten Wahrheit, dass satanische Kräfte den menschlichen Körper besetzen und seinen Geist beherrschen können. Hildegard relativiert hier sehr genau. Satan kann sich nur in die Randzonen der menschlichen Seele einnisten und von hier massiv agieren. Er besitzt nicht die Macht, die menschliche Seele aus ihrem Körper zu verdrängen und sich an ihre Stelle zu setzen. Der Seelenkern ist Gott vorbehalten. - Heilungen sind Geschenke des Himmels. Immer haben sie einen weitreichenden Zweck, sie beenden eine quälende Phase des Schmerzes, des Verzweifelns und der Isolation. Sie verpflichten aber zum Sinneswandel. Durch sie ist das Leben neugeschenkt, dieses neue Leben darf nicht in den alten Trott zurückfallen, es muss sich des göttlichen Geschenkes würdig erweisen. - Von den zehn geheilten Aussätzigen kehrte nur ein einziger zurück, um seinem Arzt zu danken. Die übrigen neun erachteten es als selbstverständlich, dass ein göttlicher Wohltäter sie im Vorübergehen heilt. Sie haben nicht bedacht, dass jeder Kranke dem verlorenen Sohn gleicht, der sich unendlich weit von seinem Vater entfernt hat Wenn ihn Gott trotzdem in großmütigem Verzeihen wieder mit offenen Armen aufnimmt, ist es eine unverdiente Gnade. Die Wiederherstellung der Unversehrtheit, die nur Gott schenkt, kann nur mit tiefster Dankbarkeit besiegelt werden.
Freitag, 31. Januar 2014
Menschwerdung
"Als Gott die Seele des Menschen an den Leib aus Erdenlehm band, plante er bereits, dass er im Falle des Falles diesen Erdenleib selber anziehen wird, um den gefallenen Menschen zurückzuholen und ihm im Himmel und auf Erden den Platz wiederzugeben, für den er eigentlich geschaffen ist. Die Engel im Himmel aber haben kein Verständnis für den armseligen Leib des Menschen, in dem sich nun der wunderbare Glanz des schönsten Engels befindet. Aber diesem Lehmklumpen gilt die große Liebe Gottes. Deshalb sieht Hildegard ihn im Herzen des Vaters. Hier versinnbildlicht er den göttlichen Ratschluss, dass der Sohn Gottes, der aus seinem Herzen hervorgeht, das Bild des Menschen in sich trägt, damit kein Engel den Menschen verachten kann. Hildegard versteht die Menschwerdung in Christus als den Höhepunkt des göttlichen Ratschlusses, den Schöpfer in der Schöpfung zu zeigen. Wo sie jedoch die Menschwerdung von der Revolte Luzifers herleitet, steht der Gedanke der Erlösung im Mittelpunkt." (H.Gosebrink) - „Gott sandte der Welt, die in so großer Finsternis des Unglaubens darniederlag, zu ihrer Erlösung seinen Sohn, der auf wunderbare Weise aus der Jungfrau geboren wurde als wahrer Gott und wahrer Mensch. Seiner Gottheit nach ging er von mir, dem Vater aus, seiner Menschheit nach nahm er Fleisch an aus der Jungfrau Mutter. So ließ ich meinem Sohn, den ich im Herzen trage, Fleisch annehmen, damit er allen, die glauben, das Heil des Lebens bringe. Der Mensch konnte ja nicht den Menschen befreien. Ein Größerer musste kommen, ihn zu retten. Nicht kann der, der selbst in Sünden geboren ist, den sündigen Menschen dem Verderben des Todes entreißen." (Hildegard v.B.) - Die Geburt Christi war nicht nur ein zentrales geschichtliches Ereignis, sondern sie läutete die Wende zur Endzeit ein. Gottes Schöpfermacht hat sich in die Welt verströmt. In Freiheit durfte alles wachsen und sich verwirklichen, nun naht die Zeit der Ernte. Gottvater sendet seinen Sohn auf die Erde, um Krankes zu heilen, Unwissendes zu belehren und Gefangene aus der Gewalt Satans zu befreien. Gottes Sohn wird aber auch die Spreu vom Weizen trennen. Die Spreu besteht aus denen, die sich permanent dem Heil verweigern, den Unbelehrbaren und den Wohlfühl-Sklaven der Welt. - Das demütige Herabsteigen Gottes wird für immer eine alle Dimensionen sprengende Liebestat bleiben. Die Gestalt Christi passt in keine Schablone und in keine Denkweise des vordergründig Sichtbaren. Wenn sich der Mensch nur an seine banale Körperlichkeit klammert, verrät er die Teilhabe seiner Seele am Göttlichen. Ebenso wenig hat er Zugang zu einem Heiland, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Er verniedlicht ihn entweder zum Gutmenschen oder schiebt ihn ins Reich der Mythologie ab. Beide Zerrformen besitzen keine Erlösungskraft. Nur der Glaube, der eine starre Scheuklappen-Wissenschaftlichkeit umstürzt, kann derm Gottessohn gerecht werden. Auf der einen Seite steht Christus in der Reihe der Propheten, die der Schöpfer immer wieder seinem Volk gesandt hat, um die Verirrten zu retten. Doch er ist viel mehr als ein Prophet, er ist nicht nur Wegweiser, er selbst ist der Weg. Er verkündet nicht nur die Wahrheit, er selbst ist die Wahrheit. Er lehrt nicht nur das rechte Leben. Wer ihm nachfolgt, wird den Tod besiegen und das ewige Leben besitzen.
Samstag, 25. Januar 2014
Die Taufe
Die Taufe des Johannes unterscheidet sich wesentlich von der heutigen Taufpraxis der traditionellen christlichen Kirchen..Johannes führte den göttlichen Befehl aus, die Menschen seiner Gegend zur Umkehr aufzurütteln. Sie sollten sich ihrer Verworfenheit bewusst werden, die Größe ihrer Schuld bekennen und ehrlichen Herzens bereuen. Waren diese Voraussetzungen erfüllt, traten sie ins Wasser des Jordan und Johannes tauchte ihren Kopf für einige Sekunden unter. Bei dieser Form des völligen Eintauchens ins Wasser wird der Täufling für kurze Zeit seinem natürlichen Lebensraum entzogen und einer Todeswelt ohne das wichtigste Lebenselement Atemluft ausgeliefert. Diese dramatische Zeremonie reinigte die Sünder von ihrer Schuld, sie konnten dem künftigen Strafgericht in Form einer Feuertaufe entgehen. Dass sich auch Jesus, der sündenlose Gottessohn, in die lange Reihe der Schuldbefleckten einordnete, hat nicht nur Johannes verstört, er gab damit auch den künftigen Theologen ein schwerlösliches Rätsel auf. Es mag sein, dass sich Jesus so vollständig mit der Menschheit identifizierte, dass er auch die menschliche Erbsünde auf sich nahm und sie durch die Taufe tilgte. Hildegard bietet eine andere schlüssige Erklärung. Als Jesus in das Wasser des Jordan stieg, weihte er damit nicht nur dieses Jordanwasser, sondern alles irdische Wasser der ganzen Welt und aller Zeiten mit seinem göttlichen Segen. "Um die Menschheit dem Widersacher zu entreißen, erweckte Jesus den Quell des Heiles. Er selbst, das Lamm Gottes, heiligte das Wasser, damit es die Altheit der Adamssünde tilge. Er trat in das Wasser ein, damit die alte Schlange, die den Menschen betrogen hatte, in diesem Bade ertrinke." (Hildegard v.B.) - Von dieser frühen Taufe, die an die Gestalt des Johannes und an seinen göttlichen Auftrag gebunden war, unterscheidet sich grundlegend der heutige Taufritus der katholischen und lutherischen Kirche. Nicht mehr der Erwachsene kehrt um von seinem sündigen Lebenswandel, sondern das Kleinkind ohne persönlich erworbene Sündhaftigkeit wird durch Übergießen mit geweihtem Wasser getauft. Es geschieht hier einerseits das Abwaschen einer Urschuld, die allen Menschen seit dem Verrat an Gott anhaftet. Andererseits ist die Taufe die formelle Aufnahme des neuen Erdenbürgers in die Gemeinschaft der Gotteskinder. Hildegard sieht die Neugeborenen wie auch die törichten Menschen, die noch nicht im Bad der Erlösung von der Schuld abgewaschen sind, als kleine schwarze Kinder. Sobald an einem Menschen unter Anrufung des Heiligen Geistes die Taufe vollzogen wird, zieht ihn Christus zu sich empor. Von jedem der Kinder wird die schwarze Haut abgelöst und durch ein weißes Gewand ersetzt. Die Getauften werden mit dem Glanz des Heiles bekleidet und in die Herrlichkeit des seligen Erbes, aus dem der erste Mensch verstoßen wurde, eingeführt. Durch dieses Bad nimmt sie die Mutter Kirche als ihre Kinder an. Das Taufritual ist deshalb nicht nur eine feierlich gestaltete Formalität ohne seelisch-geistige Verbindlichkeit, sondern es bewirkt eine tiefgreifende Umwandlung. "Wie der Mensch dem Fleische nach durch die Schöpfermacht Gottes in der Gestalt Adams geboren wird, so erweckt der Heilige Geist die Seele zum Leben durch die Übergießung mit Wasser. Wie der Menschenleib zunächst durch die Liebe gebildet wird, so wird der Geist des Menschen nachher vor den Augen Gottes im Wasser belebt. Nur wer den Quell des Heiles und damit den Bund der Gerechtigkeit annimmt, findet das Leben und wird gerettet." (Hildegard v.B.)
Samstag, 18. Januar 2014
Der Tod des Johannes
Der tugendhafte Wandel des Johannes ließ viele glauben, er sei der von den Propheten geweissagte Messias. Die Isrealiten sandten in dieser Erwartung Priester und Leviten zu ihm, doch er antwortete ihnen, er sei weder Christus noch einer der Propheten, sondern der Rufer in der Wüste. Er taufe nur mit Wasser, um auf denjenigen vorzubereiten, der mit Heiligem Geist taufen werde. Ohne Scheu und Ansehen der Person brandmarkte er die Laster und Mißstände des Volkes und der Regierenden. Damals herrschte in Israel der König Herodes Antipas. Er galt als skrupelloser Tyrann, der vor keiner hinterhältigen Gemeinheit zurückschreckte. Seine panische Angst vor Unruhen im eigenen Land oder kriegerischen Gefahren von außen stachelte ihn zu blindem Hass an, jede Regung von Bedrohung radikal niederzuschlagen. Herodes lebte mit seiner Schwägerin, der schönen und prachtliebenden Herodias, in ehebrecherischer Verbindung. Johannes wagte es, vor den Herrscher zu treten und ihn schonungslos zu maßregeln. Daraufhin ließ ihn Herodes in den Kerker werfen. Dennoch empfand der König eine gewisse Sympathie für den Asketen. Er hielt ihn für wundermächtig und im Besitz magischer Fähigkeiten, deren Handhabung er ihm gern entlockt hätte. Auch imponierte ihm die Hochachtung, die ihm sowohl das einfache Volk wie auch die Schriftgelehrten entgegenbrachten. Er ließ häufig den Propheten aus dem Kerker in seine königlichen Gemächer bringen, um sich mit ihm zu unterhalten. Diese Dialoge zwischen dem Weisen und dem gekrönten Schwachkopf verliefen sehr einseitig. Die Bestie interessierte sich nicht für spirituelle Wahrheiten, sondern brauchte nur einen geduldigen Zuhörer für sein eitles, sophistisches Geschwätze. - Das Leben des Täufers neigte sich dem Ende zu. Als einst Salome, die bezaubernde Tochter der Herodias, vor Herodes als Höhepunkt einer der zahllosen Orgien einen lasziven Schleiertanz aufführte, wollte er sie dafür fürstlich belohnen und versprach, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Mutter Herodias riet Salome in ihrem zügellosen Hass auf den unbequemen Mahner, den Kopf des Johannes zu fordern. Noch während des Gastmahles befahl der König den Henker ins Verlies zu Johannes, um dort seines Amtes zu walten. Alles geschah in Windeseile. Ein Diener präsentierte auf einer goldenen Schale den angetrunkenen Gästen das blutige Haupt des Propheten.
Dienstag, 14. Januar 2014
Der Täufer Johannes
"Johannes war der Sohn des Zacharias aus der Priesterklasse Abija und der Elisabeth aus dem Geschlecht Aarons. Das hochbetagte Ehepaar hatte wegen der Unfruchtbarkeit Elisabeths keine Kinder. Als Zacharias einst im Tempel das Rauchopfer darbrachte, sah er zur Rechten des Altares den Erzengel Gabriel stehen, der ihn ansprach: "Fürchte dich nicht, Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, den sollst du Johannes nennen. Gott überträgt ihm eine große Aufgabe und er wird vom Mutterleib an vom Heiligem Geist erfüllt sein. Viele von den Kindern Israels bringt er zu Gott zurück. Eltern versöhnen sich wieder mit ihren Kindern und die Ungehorsamen werden Gottes Willen erfüllen. Entschlossen und stark wie der Prophet Elias bereitet er das Kommen des Messias vor." Da Zacharias an der Verwirklichung dieser Verheißung zweifelte, schlug ihn zur Strafe der Erzengel mit Stummheit. Als Elisabeth nach einem Jahr ein Kind gebar und die Verwandten Zacharias nach dem Namen seines Sohnes fragten, konnte er plötzlich wieder sprechen. Er nahm an Johannes die Beschneidung vor und weissagte ihm: °Du wirst ein Prophet des Allerhöchsten genannt werden, du wirst dem Herrn vorangehen und das Volk zur Erkenntnis des Heiles führen.° Als Johannes zum Mannesalter herangereift war, verließ er seine Heimatstadt und zog als Einsiedler in die Wüste. Er lebte dort in äußerster Kargheit, fastete und betete. Seine Nahrung waren Heuschrecken und wilder Honig, sein Trank war nichts als Wasser, seine Kleidung ein Rock aus Kamelhaaren, mit einem ledernen Gürtel gebunden, die harte Erde seine Lagerstätte. Als Dreißigjähriger verließ er die Wüste und kam an den Jordan, um Buße zu predigen. Ganz Jerusalem und Judäa, alle Leute aus der Gegend um den Jordan strömten hinaus, um ihn anzuhören. Die durch seine Predigten bekehrt wurden, beichteten ihm ihre Sünden und empfingen die Taufe. Zu dieser Zeit kam Jesus, ein entfernter Verwandter seiner Mutter, an das Ufer des Jordans, um in einer Reihe mit den anderen die Taufe zu empfangen. In diesem Augenblick fiel ins Bewusstsein des Johannes ein Lichtstrahl vom Himmel, durch den er Jesus als den Messias erkannte. Ehrfürchtig entschuldigte er seine Unwürdigkeit, denjenigen zu taufen, von dem er wusste, dass er sein Erlöser sei, der gekommen war, die Sünden der Welt hinwegzunehmen." (P.M.Vogel)
Dienstag, 7. Januar 2014
Das Gesetz
"Moses genoss das besondere Vertrauen des Herrn. Zu den Propheten sprach Gott durch Träume und Gleichnisse, zu Moses von Mund zu Mund. Für das Volk war Gott durch eine Wolke verborgen, Moses wurde seines Anblicks und seiner direkten Ansprache gewürdigt. Er war vom göttlichen Geist erfüllt, das Feuer des Geistes sprang auch auf die Priester und Mitarbeiter über, die er auf Gottes Geheiß ernannt hatte. Gott gab ihm außer den Zehn Geboten eine Reihe weiterer Gesetze über Leibeigenschaft, Totschlag, Körperverletzung, fremdes Eigentum, Armenpflege, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und jährliche Feste. Auch wiederholte er noch einmal seine Verheißung: "Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, dass er dich auf deinem Weg behüte und an den Ort bringe, den ich für dich bereitet habe." (Probst/Peterich) - Die Fülle der Vorschriften, die Moses gegeben wurden, verweben kunstvoll Himmel und Erde. Jede geringste irdische Tätigkeit findet ihren Sinn in der Bezogenheit auf eine erhabene jenseitige Instanz, mit allen Fasern hängt die Welt an der Überwelt. Wie der Himmel aus einer innigen Gemeinschaft zwischen Gott und Engeln in gehorsamer Verwirklichung göttlicher Inspirationen besteht, so soll es auch mit dem Leben der Menschen beschaffen sein. Das ist nur dann möglich, wenn alle irdischen Beziehungen genau festgelegt sind. Die göttlichen Gesetze trennen messerscharf rein von unrein, heilig von heillos, gottzugewandt von gottfern. - Das Versprechen des vierten Gebotes gilt in übertragenem Sinn für alle Gebote. "Handle nach meinem Willen und es wird dir wohl ergehen auf Erden". Der Mensch ist nur dann im Lot, wenn ihn göttliche Regeln strukturieren, ohne diese Ordnung verfehlt er sein Ziel. Mit der Gliederung der Zehn Gebote ist eine genaue Richtung vorgegeben. Im Vordergrund steht die Beziehung zu Gott, er ist Zentrum, Anfang und Ende. Aus der Verantwortung vor Gott folgt das Verhältnis zum Mitmenschen, es funktioniert nur, wenn der Nächste mindestens so wichtig ist wie die eigene Person. Sein Leben, sein Eigentum, sein guter Ruf sind unantastbar. Unausweichliche Konsequenzen durch harte Bestrafung schützen die Gemeinschaft vor allen, die durch Mord, Raub, Ehebruch oder Verleumdung ihren Zusammenhalt gefährden. Gott weiß aber auch, dass die Menschen nur dann zu gerechtem Handeln angespornt werden, wenn er in Ihrer Mitte wohnt und ansprechbar ist. - "Den Weisungen Gottes getreu ließ Moses das Offenbarungszelt mit den heiligen Geräten, den Vorhof mit dem Brandopferaltar und die priesterlichen Gewänder für den Gottesdienst anfertigen. Nachdem er das Heiligtum gesalbt und gesegnet hatte, bedeckte die Wolke das Zelt und die Herrlichkeit Gottes erfüllte die Wohnung. Der Herr sprach immer wieder von hier aus zu Moses und half ihm, das Volk zu lenken." (Probst/Peterich)
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