Donnerstag, 24. April 2014
Laster und Tugenden
"Auf einem Markt werden die Kostbarkeiten der Menschen und die Freuden der Welt ausgebreitet. Der Teufel selbst bietet die Werte des Todes feil. Würde der Teufel sich den Menschen in seiner ganzen Abscheulichkeit zeigen, so müssten sie vor ihm zurückschrecken. Deshalb sucht er sie heimlich zu täuschen. Wie ein Handelsmann seine Waren ausstellt, so preist der Teufel die verschiedenen Laster hoch an und nennt sie billig, damit die Menschen begierig danach greifen. Die Kauflustigen fallen darauf herein und zahlen ihr gutes Gewissen als Preis und erwerben sich dafür tödliche Seelenwunden. Einige Menschen gehen eiligst an den Schaubuden vorbei. Weil sie Gott erkennen, verachten sie in treuer Erfüllung seiner Gebote die schmutzigen Lockungen des Teufels. Andere schreiten bedächtig und betreiben eifrig Kauf und Verkauf. Es sind die Trägen, die sich nur mühsam zu guten Werken aufraffen. Durch die Schwerfälligkeit ihres Leibes erlischt in ihnen allmählich das Verlangen nach dem Himmlischen. Sie verkaufen es, um dafür die Freuden des Leibes einzutauschen." (Hildegard v.B.) - "Hildegards unabdingbare Konsequenz ihres Gottes- und Menschenbildes ist, dass Gott den Menschen ethisch nicht überfordert, sondern ihn mit dem nötigen Wissen um Gut und Böse ausstattet, das der Mensch anwenden kann und soll. In der Gegenwart Christi am Ende der Zeiten identifiziert sich der Mensch mit seinen hellen und dunklen Seiten : mit seinem Ja zur Kooperation mit Gott und mit dem, was er im Leben schuldig geblieben ist." (H.Gosebrink) - Der Mensch ist von Gott zur Freiheit erschaffen. Sein Ziel ist die Himmelswürdigkeit für die Mitarbeit am Reich Gottes. Wie die Engel kann er sich mit allen Konsequenzen dafür oder dagegen entscheiden. Während des ganzen Lebens hat er täglich die Wahl zwischen zwei Wegen. Da er in seiner Trägheit gern den breiten und ebenen Rundweg dem steinigen Höhenpfad vorzieht, hat ihm Gott Propheten gesandt, die ihn warnen. Eine der vielfältigen Aufgaben Hildegards bestand darin, die Möglichkeiten aller Irrwege in Form der Laster darzustellen und ihnen die Tugenden entgegenzusetzen. Diese sind in der menschlichen Seele keimhaft angelegt und bräuchten nur aktiviert zu werden. Wie aber der Normalmensch nach Ansicht der Hirnforscher nur von einem winzigen Teil seiner Intelligenz Gebrauch macht, lässt er auch diese moralischen Anlagen verkümmern. Brachliegendes Verstandespotential begünstigt bornierten Stumpfsinn, in ethikfreie Seelenareale nisten sich die Laster ein. Hildegard sieht sie in ihren Visionen als grauenhafte Verkrüppelungen mit tierischen Gliedmaßen und als heimtückische Bestien. Die menschlichen Seelen, die sich diese Laster als Lebensgefährten erwählen, werden im Lauf der Zeit von ihnen besessen und nehmen ihre Gestalt an. Einst nach dem leiblichen Tod entsteigen sie ihren Leichen und präsentieren sich in dieser entsetzlichen Abscheulichkeit der Engelswelt. Doch die Seele kann nur rein und wohlgestaltet ins Jenseits eingehen. Ihre entstellte Fratzenhaftigkeit bedarf einer langwierigen und schmerzhaften Umwandlung, bis sie die erforderliche Schönheit erreicht. - "Entscheidend ist Hildegards Lehre, dass jede Menschenseele ein ganzer Kosmos ist, der alle Räume und Zeiten in sich birgt. Hildegards Begriffe von Schuld, Sündenelend, Sühne, Hoffnung, Hölle und Himmel, gerechter Strenge und gnädiger Liebe schaffen ausgedehnte Weiten, Höhen und Tiefen in einem großen, belebenden Spannungsfeld." (B.Widmer)
Freitag, 18. April 2014
Leib und Seele
"Die Seele steht als Herrin im Haus, das Gott für sie gebaut hat. Mit der gesamten Natur wirkt sie im Menschen. Wie die Biene in ihrer Wabe den Honig bildet, vollendet der Mensch mit der Erkenntniskraft der Seele seine Werke. Durch sie gedeiht der Mensch in allen Teilen seines Leibes, sie erfüllt Fleisch und Blut und macht sie lebendig. Leib und Seele sind eine einzige Wirklichkeit. Das ist das Wesen des Menschen : Handelt er recht, bleiben Körper und Seele in der richtigen Spur. Verfällt er aber schlechten Taten, lenkt er strafende Schicksalsschläge auf sich." (Hildegard v.B.) - Leib und Seele sind trotz inniger Gemeinschaft Gegensätze, die sich häufig behindern. Der Leib ist sichtbar und messbar, die Seele unsichtbar und kann sich der Umwelt nicht unmittelbar mitteilen. Dennoch ist die Seele in dieser Partnerschaft der wichtigere Teil. "Wie das Feuer Licht ins Dunkel gießt, gibt die Seele dem Körper das Leben. Sie führt den göttlichen Auftrag aus, wenn sie die heiligen Werke in ihrer leiblichen Wohnung vollendet. Die Seele durchfließt den Leib wie der Saft den Baum. Der Saft bewirkt, dass der Baum grünt, blüht und Früchte trägt. Darum erkenne, o Mensch, welcher Schatz deiner Seele fehlt, wenn du das Gut der Erkenntnis von dir wirfst und dich auf gleiche Stufe mit den Tieren stellst." (Hildegard v.B.) - Ein Mensch ohne religiöse Bindung ist sich seiner Seele nicht bewusst. Auch Anthropologie, Medizin und Psychologie können ihn nicht aufklären. Sie kennen die Seele nur als eine Funktion des Körpers, nicht als eigenständige, eigengesetzliche Dynamik. Sie beschränken sich auf den Leib als Forschungs- und Therapiemodell und unterschlagen seine metaphysische Seelenhaftigkeit. Diese Betrachtungsweise führt zu fundamentalen Irrtümern. Der seelenfreie Leibmensch ist ein Torso und nur die Karikatur des Menschen. Er gleicht einem Baum ohne Wurzel und Wipfel, da er nicht im göttlichen Urgrund ruht und sich nicht zur Überwelt ausstreckt. Nur die Seele des Menschen ist seine Verbindung zum Jenseits. Als Geschenk Gottes ist sie sein Gewissen, sein Leibwächter, aber auch der im Leben angereicherte Schatz, den er einst seinem Richter vorweisen muss. - "Wenn die Zeit zum Abbruch des Zeltes gekommen ist, wandert die Seele seufzend aus und überlässt unter Zittern ihre Wohnstätte dem Verfall. Sie fürchtet das bevorstehende Verhör des ewigen Richters, denn nun erkennt sie Makel und Verdienste ihrer Werke nach dem strengen Urteil Gottes. Während die Seele sich entlöst, kommen lichte und finstere Gestalten herbei, die Genossen ihres Wandels, die Zeugen all der Werke, die sie im Leib vollbracht hat." (Hildegard v.B.)
Freitag, 11. April 2014
Satan und Antichrist
"Die höllische Schlange ist schwarz, stachelig und voll von Geschwüren. Bis ihr wahnwitziges Wüten am Jüngsten Tag ein Ende haben wird, weht sie unentwegt die fünf Sinne des Menschen mit vielgestaltigen Lastern an und sucht sie durch vorgetäuschte Rechtschaffenheit auf die Abwege ihrer unsauberen Kunst zu ziehen. Sie ist voll tödlicher Gifte, seelenmordende Leidenschaften quellen aus ihr, gottfremde Traurigkeit, unziemliche Schamlosigkeit, trügerischer Ehrgeiz, bissige Verleumdungssucht, schändliche Heuchelei. Aber ihr Haupt ist zerschmettert und um den Nacken, die Hände und Füße des Ungeheuers ist eine Kette geschlungen. Und doch speit der Rachen des Tieres Flammen, denn selbst jetzt noch, gefesselt und vernichtet, bricht aus seiner raubtierigen Gefräßigkeit die grausame Brunst gottloser Verführung." (Hildegard v.B.) - "In der Heilsgeschichte geht es von Anfang an um die Teilhabe des Menschen an göttlicher Erkenntnis. In der Endzeit kommt es zu fast totaler Verdunkelung. Einst umnebelte der Teufel durch die Verführung im Paradies die Klarheit der menschlichen Seele. Mit Christus und der Kirche gewann Gott den Menschen zurück, nun holt Satan erneut zum Großangriff aus und verbündet sich mit dem Antichrist. Gott lässt dieses Werkzeug des Teufels zu, weil er mit ihm etwas Besonderes zeigen will. Er nimmt die Verantwortung des Menschen ernst, das Unheil durch das Wirken des Antichrist passiert nicht automatisch, sondern als Folge falscher Wahrnehmung. Der Mensch ist aber mit seiner inneren Erkenntnis so ausgerüstet, dass er sehr wohl zwischen wahrem und falschem Christus unterscheiden könnte. " (H.Gosebrink) - Während des ganzen Erdenlebens Christi stand Satan in seiner Nähe. In der Wüste ist er ihm persönlich begegnet. Die übrige Zeit agierte er im Verborgenen und verhetzte die Volksmenge und auch die Apostel, Jesus von seinem göttlichen Auftrag abzubringen, ihn abzulehnen, zu verlassen und zu verraten. Christus triumphierte durch Kreuzestod und Auferstehung über alle Teufelsränke. Doch selbst der gefesselte Satan besaß noch genügend Kraft, durch seinen Handlanger die Kirche zu verfolgen. Sohn Antichrist ist eine ebenso schillernde Persönlichkeit wie Vater Satan. Er trägt viele Masken, im Lauf der Geschichte nimmt er häufig Gestalt an in Königen, Führern und Fürsten, die mit Grausamkeit herrschen, Leichenberge und verbranntes Land hinterlassen. Oft auch lodert sein Hass in politischen Ideologien auf, die wegen ihrer Primitivität die Menschen faszinieren. Er predigt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Doch seine Phrasen führen in Folterkeller, Eroberungskriege, Entrechtung, Enteignung und Massenvernichtung. Der Antichrist ist eine Parodie auf Jesus. Auch ihm gelingen Wunder. Sie bestehen aus technischen Errungenschaften, der Manipulation menschlicher Erbsubstanz, der Eroberung des Weltraums. Er verdrängt Gott als Schöpfer und Christus als Erlöser mit der These einer zufälligen Entstehung des Lebens durch einen Urknall und der Bedeutungslosigkeit der Erde im unendlichen Kosmos.. - Luzifer in seinen verwirrenden Verkleidungen neidet dem Menschen seinen Leib, seine Seele und die Möglichkeit, einst in den Himmel heimzukehren. Er weiß, dass es nur einen einzigen sicheren Weg gibt, dem Menschen seine Würde zu rauben und in den teuflischen Machtbereich hinabzuziehen. Wenn sich der Mensch zum Tier degradiert und wie dieses in Nacktheit seine ungezügelten Triebe auslebt, wird seine unsterbliche Seele verkommen und ihre Gnade verspielen, nach dem irdischen Tod im Weiterleben der Seele den Himmelsglanz der Engel zu erlangen.
Donnerstag, 3. April 2014
Der Priester
" Nach der Himmelfahrt des Herrn schwebte das Feuer des Heiligen Geistes über den Aposteln und erleuchtete sie mit allem Wissen um himmlische und irdische Dinge. Durch den Samen der Worte Gottes sind die Jünger des Herrn zum Heilkraut des wahren Glaubens geworden. Wer Christus in der Geborgenheit der Kirche nachfolgen will, für den gilt sein Wort: Wer immer sein Haus, seine Brüder und Schwestern, Vater und Mutter, seine Kinder oder seine Äcker um meines Namens willen verlässt, der wird Hundertfältiges erhalten und ewigen Lohn ernten. Christus gab das Beispiel, sich selbst und allem zu entsagen. Es war notwendig, dass der Sohn Gottes am Ende der Zeiten kam. Mit den Lenkern der Kirche, mit Priestern, Einsiedlern, mit der Schlachtreihe der Geistlichen, mit frommen Eheleuten, mit Büßern und den Menschen der Selbstbeherrschung hat er Gottes Werk vollendet." (Hildegard v.B.) - Im Christentum ist der Priester Stellvertreter Christi auf Erden. Lebensweise und Richtlinien des Herrn haben sein Berufsbild bestimmt und die hierarchische Ausformung der Kirche durch den Primat des Petrus vorgegeben. Jesus lebte zölibatär und in einfachen Verhältnissen. Auch der Priester ist der Welt entzogen, um nur Gott und seinen Mitmenschen zu dienen. Gott gibt ihm dafür Rechte wie keinem anderen Beruf. Er darf Sünden vergeben, Brot und Wein in Christi Leib und Blut verwandeln, Sterbenden Wegzehrung reichen für den Eintritt in die jenseitige Welt. - Die Sündenvergebung durch die Beichte ist mehr als eine Minimal-Psychotherapie. Sie setzt Gewissenserforschung und Reue voraus. Die Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und eine tiefgreifende Umkehr nimmt nicht Maß an der jeweils geltenden gesellschaftlichen Liberalität, sondern an göttlichen Moralnormen, ohne die auf Dauer jeder Mensch und jede Staatsform in der Katastrophe endet. - Wie für den Mönch gilt auch für den Weltpriester die benediktinische Forderung:" bete, arbeite und lese". Ein guter Priester muss ein leidenschaftlicher Beter sein, der alle Anliegen seiner Gemeinde, seiner Stadt, seines Landes, der Sünder, Kranken, Sterbenden und Verstorbenen zum Ohr Gottes emporreicht. - Sein geistiges Bemühen um die Gotteswissenschaft soll er nicht mit dem Staatsexamen abschließen, sondern sich lebenslang weiterbilden. Es ist dabei ratsam, die Interessen über den Tellerrand des Pflichtwissens auszudehnen. Ein Priester sollte sich auch über alle spirituellen Strömungen jenseits der theologischen Orthodoxie informieren und sich eine vorurteilsfreie Meinung bilden, welche Wege zur Wahrheit und welche von ihr wegführen. - Priester sind Dolmetscher. Sie haben die heikle Aufgabe, den Gläubigen die oft schwerverständlichen Texte der heiligen Schriften nahezubringen, zu vereinfachen, ohne zu verniedlichen und auszudeuten, ohne zu verfälschen. - "Sobald ein Priester mit den heiligen Gewändern bekleidet an den Altar tritt, kommen Engel in hellem Lichterglanz vom Himmel und umfluten den Altar. Mit dem "Sanctus, Dominus Deus Sabaoth" beginnt das unaussprechliche Mysterium. In diesem Augenblick öffnet sich der Himmel. Ein feuriges Blitzen von lichter Klarheit fällt auf die Opfergaben nieder und durchströmt sie ganz mit Herrlichkeit. Und der blitzende Schein trägt sie in unsichtbare Höhen und lässt sie wieder auf dem Altar nieder. Obwohl nun die Opfergaben für das Auge der Menschen noch das Aussehen von Brot und Wein haben, sind sie doch in wahres Fleisch und wahres Blut verwandelt. Wenn sich nach Vollendung des heiligen Geheimnisses der Priester vom Altar entfernt, zieht sich auch der Lichtglanz in die Verborgenheit des Himmels zurück." (Hildegard v.B.)
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