Montag, 23. September 2013
Die Schöpfung
"Hildegard kann sich die Erschaffung der Welt weder ohne den Schöpfer, noch ohne den Menschen und schon gar nicht ohne Christus, das menschgewordene Schöpfungswort denken" (H.Gosebrink). - Gott tritt in der Schöpfung aus sich heraus, er äußert sich in der Materie und in der Zeit, die aus seiner Ewigkeit strömt. Diese göttliche Weltenzeit ist dazu bestimmt, Heilszeit zu werden, die Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung und vor allem mit dem Menschen. - In sieben Schritten erschafft Gott die Welt, Himmel und Erde, Tag und Nacht, Meere und Land, die Gestirne, Kriechtiere und Flugtiere, Nutzvieh und wilde Tiere und am siebten Tag den Menschen als Mann und Frau. Die Schöpfung ist für die Ewigkeit angelegt. Das schließt jedoch einen Weltuntergang nicht aus, doch wird er nicht nur eine Vernichtung bedeuten, sondern eine Wandlung von der irdischen in die jenseitige Körperlichkeit. Diese Zerstörung offenbart die menschlichen Werke als gut oder böse, demütig oder vermessen, gottzugewandt oder dämonisch und richtet sie danach. In dieser langen Zeitspanne zwischen dem Erwachen der Vernunft und dem Jüngsten Tag kann sich die Menschheit für oder gegen den richtigen Weg entscheiden. - Hildegard gibt den sieben Schöpfungstagen einen weiterführenden, symbolischen Sinn. Wenn Gott am ersten Tag die Wasser scheidet, sieht sie darin einen Hinweis auf den höchsten Grundsatz aller Tugenden, die Unterscheidungsgabe. Die Entstehung der Erde bringt sie in Zusammenhang mit der Demut, denn der Mensch ist durch seinen Leib aus Erdenlehm mit der Erde verwandt. Sonne und Mond sind für sie Hinweise auf die Gottes- und Nächstenliebe. Kriech- und Flugtiere verbindet sie mit Weltverachtung. In der Erschaffung des Mannes sieht sie einen Hinweis auf die Gerechtigkeit, in der Erschaffung der Frau auf die Barmherzigkeit. Der siebte Tag steht im Zeichen des Gottessohnes, dem der Mensch angehört und in dessen Nachfolge ihm alle himmlischen Freuden offenstehen. - Hildegard setzt die verschiedenen Stadien der Schöpfung auch in Verbindung mit der Gestaltung der Kirche, die in ihren Visionen einen wesentlichen Platz einnimmt. Wie Gott zwischen Licht und Finsternis scheidet, so auch zwischen Glauben und Unglauben. Die Fruchtbarkeit der Erde ist das Symbol der Kirche, in der sich die Gläubigen im Grad der Verbreitung des christlichen Glaubens zusammenfinden. Sonne, Mond und Sterne sind die geistlichen und weltlichen Lehrer, die Verstand und Gottessuche des Menschen erleuchten. Auch Mann und Frau dienen dem Aufbau der Kirche. Der Mann sorgt auf allen Gebieten für die Verwirklichung der himmlischen Tugenden, die Frau symbolisiert die mütterliche Sorge für die weltlichen Belange. Hildegards Wertschätzung des kontemplativen Lebens zeigt sich darin, dass sie die Realisierung der "männlichen Lebensform" den Mönchen und Jungfrauen, die der "weiblichen" den verheirateten Männern und Frauen zuweist.
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