Mittwoch, 4. September 2013
Die Katharer
Es lässt sich kein schrofferer Gegensatz denken als zwischen der Theologie der Hildegard von Bingen und dem Katharismus. Dieser kam aus dem Süden Frankreichs und verbreitete sich vom 12. bis 14.Jahrhundert rasch ins Gebiet der heutigen Länder Italien, Spanien, Österreich, Skandinavien und Deutschland. Die Katharer bezeichneten sich selbst als "wahre Christen" und "gute Menschen°und betrachteten die materielle Welt als Werk eines bösen Gottes. Das Gute findet sich nur bei einem guten Gott im Himmel, zu ihm muss der Mensch aus der Umklammerung des Bösen geführt werden. Dies geschieht durch die Geisttaufe, doch selbst die kann vergeblich sein, denn eine Aufnahme ins Reich Gottes ist für jeden Menschen weitgehend vorherbestimmt. Um trotzdem zu versuchen, die Seelen aus dem irdischen Sumpf zu retten, befahl die Sekte einen entsagungsreichen Übungsweg. - Die Katharer sahen in Jahwe den Schöpfer der bösen Welt und lehnten daher das Alte Testament ab, vom Neuen Testament spielte das Johannes-Evangelium in sehr eigenwilliger Auslegung eine herausragende Rolle. Armut, Demut und Enthaltsamkeit wurden für den Weg zur Vollkommenheit vorausgesetzt, doch Sündenvergebung und Erlösung waren von der Mitgliedschaft in der katharischen Kirche abhängig. Durch einen feierlichen Akt der Geisttaufe wurden neue Mitglieder durch Bischof oder Gemeindeältesten aufgenommen. Nach dem Sündenbekenntnis vor der ganzen Gemeinde und der Vergebung durch den Bischof legte man dem Novizen das Johannes-Evangelium auf den Kopf, dann breiteten alle Getauften ihre Hände über ihn und übertrugen ihm den Geist der Erkenntnis. - Die Erlaubnis zum Priesteramt für Frauen konnte nicht über die allgemeine Frauenfeindlichkeit hinwegtäuschen. Das hing mit dem Sündenfall zusammen, durch den die Sexualität in die Stammeltern eingedrungen war. Nur dem Adam hauchte Gott bei seiner Erschaffung eine Seele ein, Eva, die vom Fleisch des Adams Genommene, bekam einen Anteil seiner männlichen Seele. Wegen der Hauptschuld Evas beim Sündenfall wurde ihre Seele entstellt. Schwangere Frauen taufte man nicht, denn sie trugen einen Dämon im Leib, die Fortpflanzung galt als Teufelswerk. Nach dem Tod einer Frau musste sich die entstellte Seele mühsam durch die Vergegenwärtigung ihres männlichen Ursprungs zurückverwandeln, Da der Paradieseszustand des Menschen frei von Sexualität war, bestand die irdische Lebensaufgabe darin, diesen vollkommenen Zustand durch Askese wieder zu erreichen. - Trotz seiner Strenge, Leib- und Frauenfeindlichkeit und des dualistischen Gottesbildes breitete sich der Katharismus lawinenartig aus und bildete bewusst eine Gegenkirche zur römischen Kirche.
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