Freitag, 9. Mai 2014
Die Ausgelassenheit
"Die Ausgelassenheit ist ein verruchtes Wesen, das mit den ungepflegten Manieren verspielter Menschen dem wechselhaften Wind gleicht. Sie ist unbeständig und heftet ihren Sinn auf alles, was gerade modisch daherkommt. Gott verweigert sie die Ehre und freut sich nicht an ihm. Sie ergötzt sich nur an dem, was sie sich selbst erwählt, daher heißt sie die Eitelkeit der Eitelkeiten und wird nichts anderes als Wertloses ernten. Hat sie sich von einer Liebhaberei getrennt, folgt sofort die nächste. Doch dieser unstete Sinn hinterlässt dauerhafte Spuren. - Die Ausgelassenheit gleicht einem streunenden Hund, der sich auf den Hinterpfoten aufrichtet und sich mit den Pranken an einem aufrechten Stock festhält. Ihre Schritte sind nach rückwärts, zum Teufel gerichtet und dem Geschmack des Irdischen verhaftet. Die Vorderpfoten aber legt sie in Vortäuschung von Rechtschaffenheit auf die Vorschriften des vom Geistigen getragenen Gesetzes." (Hildegard v.B.) - Hildegard versteht unter Ausgelassenheit Zuchtlosigkeit und Ablehnung göttlicher Ordnungen. Die Menschen dieses Lasters verweigern sich außerdem jedem Reifeprozess und der Anpassung an das jeweilige Lebensalter. Die menschliche Existenz hat wie die Natur vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Der Ausgelassene kann sich lebenslang nicht vom Frühling trennen. Frühling bedeutet kindliche Verspieltheit, Sorglosigkeit, Entdeckerlust, Ungebundenheit und Unverantwortlichkeit. Diese Freiheiten mit pädagogischen Einschränkungen dienen der Entwicklung der Persönlichkeit. Im Erwachsenenalter müssen sie durch Erfüllung der Standespflichten in eine ernsthafte Schicksalsbewältigung münden. Auch der Lebensherbst mit dem Rückzug aus dem Beruf hat sein eigenes Gepräge. Er ist Erntezeit, das Ordnen und Überdenken aller Erfahrungen. Wer aber weder den Sinn einer mit Fleiß und Ausdauer erfüllten Lebensarbeit noch die Notwendigkeit einer ehrlichen Bilanz erkennt, verfehlt auch die Chance des Alters. Der Winter ist kein zweiter Frühling, er ist keine Zeit des letztmöglichen Auslebens, der Befriedigung eines eingebildeten Nachholbedarfes, eines peinlichen Jugendwahnes. Er ist die Zeit der Einkehr und Besinnung, der Reue und Wiedergutmachung. - Ausgelassenheit definiert sich durch Oberflächlichkeit, Sprunghaftigkeit, Leichtsinn und Gefallsucht. Diese Eigenschaften gehen am Zweck des Lebens vorbei, der Wandlung zur Innerlichkeit. Das Leben des Ausgelassenen dreht sich immer nur in einem winzigen Kreis von Interessen um die eigene Person, deshalb ist sein Alter armselig. Auch wenn er im Wohlstand lebt, steht er mit leeren Händen da. Er hat seiner Umgebung nie einen nennenswerten Dienst geleistet noch eine selbstlose Verbindung zu anderen Menschen aufgebaut. Noch kläglicher kommt er nach dem Tod im Jenseits an. In seiner verspielten Leichtfertigkeit steht er blind, stumm und taub in einer neuen Umgebung und besitzt nicht einmal die Fähigkeit, Himmelsluft zu atmen.
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