Mittwoch, 14. August 2013

Die Hildegard-Renaissance

In den nächsten Jahrhunderten verblasste das Bild Hildegards, sie wurde vergessen. Die Kluft zwischen mystisch-individualistischer Frömmigkeit und klerikalen Zielsetzungen wurde immer größer. Die Kirche strebte nach weltlicher Macht und verteidigte ihren Einfluss mit fester Hand, die Gläubigen näherten sich Gott bevorzugt durch Aktivitäten dienender Nächstenliebe, die Hochschultheologie hatte alle Hände voll damit zu tun. Rechtgläubigkeit zu definieren und Irrlehren zu bekämpfen. Es kamen die Zeitalter der Aufklärung, der innerkirchlichen Reformen und der Reformation. Wenn Mystik noch gefragt war, dann mehr zum Zweck prophetischer Zukunftsschau mit düsterer apokalyptischer Färbung. Die Theologen schälten aus den Evangelien eine dominante Morallehre heraus, die Betonung der Liebe Gottes zu den Menschen und der Liebe der Menschen zu Gott verlor an Bedeutung. - Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde Hildegard wiederentdeckt. Es war eigentlich ein Nebenprodukt ihres sonstigen Schaffens, die in ihrer Authentizität stark umstrittene "Heilkunde", die in breite Schichten Einzug fand und wie ein Eisbrecher den Weg für ihre theologischen Werke freimachte. Das Interesse für die Hildegard-Medizin kam nicht von ungefähr. Im Gegensatz zur modernen Schulmedizin setzt sie den Menschen in Beziehung zu Gott, bettet ihn ein in den Zusammenhang des kosmischen Gefüges und behandelt ihn mit Heilpotenzen aus seinem irdischen Umfeld. Die offizielle Medizin entfernt sich seit knapp hundert Jahren immer weiter von der Natur und verwendet heute fast ausschließlich synthetische Medikamente. Es besteht in großen Teilen der Bevölkerung der Wunsch nach Arznei aus der Herrgottsapotheke ohne chemische Nebenwirkungen. Die meist esoterisch geprägten Verfechter dieser Hildegard-Medizin berücksichtigen allerdings nicht, dass zumindest in Deutschland schon eine hochentwickelte Naturheilkunde auf aktuellem Stand existiert und dass Hildegard eine Heilungsmöglichkeit ohne innere Umkehr zu einem gottgefälligen Lebenswandel verneint. Die von den Anhängern der "Hildegard-Medizin" propagierten Patentrezepte gegen alle möglichen körperlichen und seelischen Leiden sind ohne diese Grundvoraussetzung fragwürdig. - Im Zuge einer breiten Hildegard-Renaissance wurden ihre sämtlichen Werke in ein griffiges Deutsch übertragen, in Themenkreise zusammengefasst, vielfach kommentiert und konnten dadurch auch in die moderne Theologie eingebunden werden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen