Dienstag, 20. August 2013
Die Kirchenlehrer
Christlichen Gemeinschaften außerhalb des Katholizismus ist der Begriff des Kirchenlehrers befremdlich. Reformierte Kirchen sind der Überzeugung, dass in der Heiligen Schrift schon die ganze, unteilbare und ausschließliche Wahrheit enthalten ist. Sie fühlen sich nur dieser Wahrheit verpflichtet und betrachten das Ausschöpfen von Mehrdeutigkeiten oder symbolische Auslegungen als unerlaubte Eingriffe. - Die Bibel ist keine leichte geistige Kost. Wer es sich nach Art mancher Sekten allzu einfach macht und ein paar Lieblingssätze herauspickt, um darauf eine komplette Weltanschauung aufzubauen, stößt bald an Grenzen der Ernsthaftigkeit. Altes und Neues Testament gleichen einem prächtigen, weitläufigen Gebäude mit sehr vielen Räumen in zahlreichen Stockwerken. Dieses Gebäude steht jedem offen, der nicht als Dieb, Vandale oder Spötter kommt. Der Besucher kann sich mit einer kurzen Betrachtung der Fassade oder des Erdgeschosses zufriedengeben. Oder er wandert durch das ganze Haus und entdeckt dabei, dass alle Räume kostbare Schätze enthalten. Allerdings wird er für diesen Rundgang erfahrene Begleiter benötigen, die jede Einzelheit vom ersten bis zum letzten Zimmer in einem einleuchtenden Zusammenhang erklären, alleingelassen würde er bald frustriert das Weite suchen. - Kirchenlehrer sind diese Fremdenführer. Sie müssen hohen Ansprüchen genügen, über Wissen, Wahrhaftigkeit und den durch ihre Lebensführung gerechtfertigten Titel "Heiliger" oder "Heilige" verfügen. Die Kirche ist davon überzeugt, dass diese Lehrer von Gott inspiriert und gesandt sind, die Wahrheit zu verkünden und Entstellungen zu widerlegen. Sie sind sehr wichtig, denn die Erfahrung zeigt, dass auch ehrliche Gottsucher in jedem Jahrhundert auf zahlreiche Irrwege gelangen können, in Rückfall zur Vielgötterei, Verehrung eines falschen Gottesbildes, Überbewertung von Nebensächlichem in Verkennung des geistlich Wichtigen, Überbetonung des Jenseits bei sträflicher Vernachlässigung des Diesseits, Überbetonung des Diesseits bei sträflicher Vernachlässigung des Jenseits. Allerdings darf der Führer kein Verführer sein, der dem Schüler eine fanatische Ansicht aufdrängt. Kirchenlehrer sollen in erster Linie die persönliche Überzeugung ihrer Schüler festigen und in Abwägung des Für und Wider die vorurteilsfreie Voraussetzung für die eigene Meinungsbildung schaffen. Das bannt die Gefahr, blindlings die Ansichten einer Autorität zu übernehmen und sie lebenslang ungefiltert nachzuplappern. Eine noch größere Gefahr besteht darin, die Erkenntnisse dieser Geistesgrößen in Archiven abzulegen, deren Türen nur einer winzigen Elite geöffnet sind. Spirituelle Wahrheiten können nur dann fruchtbar werden, wenn sie in verständlicher Form den Weg in die Köpfe des ganzen Kirchenvolkes finden.
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