Freitag, 9. August 2013

Hildegard von Bingen

Hildegard wurde 1098 als zehntes Kind einer pfälzischen Adelsfamilie geboren. Von ihrem dritten Lebensjahr an hatte sie Visionen. Sie sah in einem hellen Licht geheimnisvolle und zukünftige Dinge, die anderen Menschen verborgen blieben. Da man sie deshalb verlachte, verschwieg sie vernünftigerweise diese seltsame Gabe. Im Alter von acht Jahren vertrauten sie ihre Eltern der jungen Adligen Jutta von Sponheim an, die im benediktinischen Kloster am Disibodenberg das Leben einer Reklusin führte. Jutta unterwies sie im Verständnis der Psalmen, in der lateinischen Sprache sowie im Gebrauch eines Musikinstrumentes zur Begleitung des Psalmengesangs. Hildegard vertraute Jutta ihre Visionen an, die diese ernstnahm, sich aber ratsuchend an den Mönch Volmar wandte. Als Hildegard mit fünfzehn Jahren das damals erforderliche Alter für das Ordensleben besaß, nahm sie den Schleier und wurde unter Juttas Leitung Ordensfrau. Bei Juttas Tod war Hildegard achtunddreißig Jahre alt. Die ursprünglich geringe Zahl der Nonnen hatte sich inzwischen stark vermehrt. Hildegard wurde sofort zur Äbtissin gewählt, doch es trat nach einigen Jahren ein Ereignis ein, das sie auf einen unerwarteten Weg führte. Sie beschrieb es selbst : "Im dreiundvierzigsten Jahr meines Weges durch die Zeit erblickte ich ein strahlendes Licht, aus dem eine Stimme an mich erging : " O schwacher Mensch, sage, was du siehst und hörst. Weil du nicht gelernt hast, es aufzuschreiben, vertraue es einem Menschen so, wie es deinen Augen und Ohren vom Himmel her zukommt. Sage es nicht nach deinem Gutdünken, sondern in der Absicht dessen, der in der Verborgenheit alles weiß, sieht und verfügt." Weil sie sich dazu unfähig fühlte, zögerte Hildegard, den Auftrag auszuführen. Erst als sie erkrankte und von vielen Leiden heimgesucht wurde, entschloss sie sich, dem Mönch Volmar ihre Schauungen mitzuteilen und ihm in lateinischer Sprache die Worte der Himmelsstimme zu diktieren. Von da an konnte sie gesund vom Krankenbett aufstehen und ihren Dienst verrichten. Es dauerte zehn Jahre, bis ihr erstes Opus "Wisse die Wege" niedergeschrieben war. Diese große Mühsal des Mitteilens und Schreibens galt auch für ihre beiden nächsten großen Werke "Mensch und Welt" und "Der Mensch in der Verantwortung". In den kommenden Jahrzehnten war ihr Arbeitspensum neben den breitgefächerten Pflichten einer Äbtissin immens, ebenso die Vielfalt ihrer Genialität. Sie dichtete, komponierte, verfasste nebenher Werke über Natur- und Heilkunde, korrespondierte in unzähligen Briefen mit Päpsten, Bischöfen, Äbten, Kaisern, Königen, Fürsten und Weltleuten, die sie um Rat angingen. Auch diese Belehrungen waren von göttlicher Weisheit inspiriert, gefiltert durch Charakter, Erfahrung und Wissen dieser begnadeten Frau. Die kirchliche Obrigkeit unterzog ihre Schriften einer strengen Zensur, erteilte aber fasziniert und überzeugt ihr "Imprimatur". Ihre Werke wurden unzählige Male abgeschrieben und von den Klöstern sowie dem Weltklerus als göttliche Wegweisung verinnerlicht. Als Hildegard 1179 mit einundachtzig Jahren starb, war sie eine Berühmtheit, eine mystische Prophetin und Theologin von weitreichender Bedeutung.

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