Mittwoch, 28. August 2013
Die Kirchenlehrerin Hildegard
Die Ernennung Hildegards 2012 zur Kirchenlehrerin durch den damaligen Papst Benedikt XVI. war eine mutige Tat. Rom beurteilt sonst Privatoffenbarungen eher skeptisch. Zudem war Hildegard eine Kirchenkritikerin, in ihren Antwortschreiben an Päpste, Bischöfe und Äbte nahm sie sich kein Blatt vor den Mund und prangerte schonungslos geistige Gleichgültigkeit, Unwissen und Sittenlosigkeit an. Auch könnte man sich fragen, was die moderne Gesellschaft mit der mittelalterlichen Theologie einer visionären Nonne anfangen soll. Das Abendland verabschiedet sich seit Jahrzehnten schrittweise vom Christentum und steht heute im Zeitalter der Egomanie und der Eliminierung des Wunderbaren aus Kultur und Religion. Selbst die christlichen Kirchen bezweifeln die konkrete Existenz des Satanischen und schieben den Engelsglauben in die tiefenpsychologische Schublade ab. Unsere hochentwickelte Technik mit ihrer weitgehenden Automatisierung färbt auf die menschlichen Charaktere ab und verformt sie immer mehr zu seelenlosen Robotern.- Vermutlich war gerade deshalb Joseph Ratzinger davon überzeugt, dass Hildegards Erhebung zur Kirchenlehrerin der hemmungslosen Verweltlichung der Neuzeit entgegenwirken könnte. Bei Hildegard stimmen noch die Zusammenhänge zwischen Theologie und Kosmologie, zwischen Natur und Übernatur, Naturkunde und Heilkunde, Mensch und Gott. Kein Kirchenlehrer hat derart sinnfällig wie Hildegard die Macht des Bösen, seine Verstrickung mit der Menschenseele, seine Überwindung durch Christus und das Weiterwirken seiner gefesselten Kraft bis zum Weltende geschildert. Auch könnte unserer Zeit, in der zunehmend die Unmoral als allgemeine Lebensform propagiert wird, ihre messerscharfe Definition von Tugend und Laster wieder zu einem normalen Ethikverständnis verhelfen. Der Prophetin Hildegard war der Blick bis zum Jüngsten Tag geschenkt. Sie hat in ihren Visionen das sorglose Dahinschlendern des heutigen Menschen am Rande des Abgrundes geschaut. Doch die große Heilerin begnügte sich nicht mit einer Diagnose, sondern wies gangbare Wege der Umkehr und Therapie. Ihr Werk umfasst die ganze Schöpfung, die Aufgaben der Engel, den Sturz Luzifers und den Sündenfall unserer Stammeltern. Vor allem aber handelt es vom Menschen und vom Sohn Gottes, der sich in ein menschliches Gewand hüllte, um die Welt zu erlösen. Das ist in einer Zeit, in der sich der Homo sapiens wie ein emporentwickeltes Tier verhält, eine entscheidende Rückbesinnung auf die Rolle, die der Schöpfer seinem Lieblingsgeschöpf zugedacht hat.
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