Sonntag, 4. August 2013

Mystik

Mystiker genießen bei der Hochschultheologie keinen besonders guten Ruf. Wie jede Wissenschaft schätzt auch die Theologie durchsichtig Klares, dogmatische Festlegung, scharfe Trennung von Rechtgläubigkeit und Ketzerei, jedenfalls Exegesen, die der Intellekt nachvollziehen kann. Mystik aber ist das Geheimnisvoll-Unrationelle, die persönliche Gotteserfahrung von Menschen unterschiedlicher Bildung in unterschiedlichen Zeitaltern. Die hohe Messlatte, die von der katholischen Kirche bei der Beurteilung von Mystikern angelegt wird, ist berechtigt. Es wimmelt in jedem Jahrhundert von Propheten, die sich im Brustton der Überzeugung auf göttliche Einsprachen, Offenbarungen und Beauftragungen berufen, aber einer Selbsttäuschung erliegen oder bewusst täuschen wollen.. Der echte Mystiker hat durch göttliches Entgegenkommen, gebetseifrige Frömmigkeit, gründliche Kenntnis der Heiligen Schrift und einen spirituellen Übungsweg Kontakt mit dem Himmel erlangt. Diese Verbindung ist meist mit dem Auftrag verbunden, persönliche Erleuchtungen allen Gläubigen zugänglich zu machen. Konventionelle, pflichterfüllende Religiosität und Mystik sind zwei Gegensätze. Der durchschnittlich Gläubige ist mit Gott flüchtig bekannt, er weiß von ihm Oberflächliches aus zweiter Hand und gibt sich damit zufrieden. Der Mystiker ist Gottes Freund und will möglichst alles über ihn erfahren. Diese Freundschaft schließt Vertrauen und gegenseitige Hilfsbereitschaft ein. "Gegenseitige Hilfsbereitschaft" klingt vorerst paradox. Dass der schwache Mensch göttlichen Beistands bedarf, leuchtet ein, doch welch menschliche Hilfe benötigt der allmächtige Gott? Gottes Sohn war in seinem irdischen Leben immer von Helfern, Aposteln und Jüngern umgeben und hat nach seiner Auferstehung ausdrücklich den missionarischen Dienst seiner männlichen und weiblichen Nachfolger eingefordert. Der Himmel braucht die Menschen, sie sind von Gott als seine Mitarbeiter und Partner erschaffen worden. Die tiefe Kluft, die der Sündenfall zwischen Gott und Mensch gerissen hat, wurde durch die Menschwerdung Christi überbrückt. Der Mensch kann nun wieder ins Reich Gottes heimkehren, wenn er es will. - Ein Mystiker ist kein weit über den Durchschnitt Herausgehobener, kein unverdient begnadetes Genie, kein weltfernes Idol. Jedem Christen steht der mystische Weg offen. Es sind oft sogar schlichte Menschen, Mönche und Nonnen, doch auch Laien aus allen möglichen Berufen, denen ausgeleierte Frömmigkeitsformen und blutleere Abstraktionen nicht mehr genügen. Sie suchen die weitestmögliche Annäherung an Christus bis zur Verähnlichung mit dem Herrn. Das bedeutet vor allem, zu Gott zu sprechen und den Dialog mit ihm zu suchen. Er ist zwar der Unsichtbare, doch immer nah und erreichbar. Er ist sogar näher am Menschen als dessen Blutsverwandte und Freunde.

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