Freitag, 7. Februar 2014

Der Arzt

Durch den Sündenfall ging ein tiefer Riss durch die Schöpfung. Aus Heil wurde Unheil, aus Geborgenheit Verlorenheit, aus Schönheit Entstellung. Mit ihrer Zuwendung zu Luzifer zerstörten Adam und Eva das innige Verhältnis zu Gott. Die Geschenke Luzifers erwiesen sich als Leid, Verdummung, Hunger und Tod. Zu dieser Verelendung summierten sich im Laufe der Geschichte noch die zahllosen Krankheiten, die sich die Menschen durch ihre widersinnige Lebensweise und das Weiterreichen ihrer Makel an die nächsten Generationen selbst zufügten. - Christus kam als der Arzt aller Krankheiten zu den Menschen. Bevor die Zeitzeugen Christi Worte vom Himmelreich und von der neuen Lebensform hörten, brachten sie ihm ihre Kranken, die Lahmen, Blinden, Taubstummen und Aussätzigen. Er blickte sie an und sah bis auf den Grund ihrer Seele, ihre Verstrickungen in Sünde und Schuld, ihre Süchte und Laster. Er heilte sie plötzlich und dauerhaft. Durch Wunderheilungen legitimierte er seine göttliche Macht und veränderte das Schicksal der Geheilten. Dem Blinden wurde die Farbigkeit der Welt geschenkt, der Lahme aufgehoben aus Schmerzen und Nutzlosigkeit, der Taubstumme hörte die bezaubernde Melodie der Welt und konnte seine Gedanken ins gesprochene Wort fassen, der Aussätzige war von seinen grauenhaften Entstellungen befreit und wieder menschlicher Nähe würdig. Christus traf die Kranken auf der Straße, er erlebte sie hilflos, vereinsamt und verachtet. Die Voraussetzung seiner Heilungsbereitschaft war aber immer, dass sich der Kranke seines Krankseins bewusst war. Er konnte nur geheilt werden, wenn er sich nicht mit seinem Elend arrangierte, es nicht wie eine mitleiderregende Maske vor sich hertrug. Er musste sich mit allen Kräften nach Wohlbefinden sehnen, um seine Lebensarbeit erfüllen zu können. - In den Heilungsberichten nehmen die Befreiungen aus dämonischer Besessenheit einen wichtigen Raum ein. Die von der Schulmedizin infizierte Theologie hat diese Teufelsaustreibungen als "Heilungen von Psychosen" verharmlost. Das ist eine unstatthafte Übertünchung der evangeliengestützten Wahrheit, dass satanische Kräfte den menschlichen Körper besetzen und seinen Geist beherrschen können. Hildegard relativiert hier sehr genau. Satan kann sich nur in die Randzonen der menschlichen Seele einnisten und von hier massiv agieren. Er besitzt nicht die Macht, die menschliche Seele aus ihrem Körper zu verdrängen und sich an ihre Stelle zu setzen. Der Seelenkern ist Gott vorbehalten. - Heilungen sind Geschenke des Himmels. Immer haben sie einen weitreichenden Zweck, sie beenden eine quälende Phase des Schmerzes, des Verzweifelns und der Isolation. Sie verpflichten aber zum Sinneswandel. Durch sie ist das Leben neugeschenkt, dieses neue Leben darf nicht in den alten Trott zurückfallen, es muss sich des göttlichen Geschenkes würdig erweisen. - Von den zehn geheilten Aussätzigen kehrte nur ein einziger zurück, um seinem Arzt zu danken. Die übrigen neun erachteten es als selbstverständlich, dass ein göttlicher Wohltäter sie im Vorübergehen heilt. Sie haben nicht bedacht, dass jeder Kranke dem verlorenen Sohn gleicht, der sich unendlich weit von seinem Vater entfernt hat Wenn ihn Gott trotzdem in großmütigem Verzeihen wieder mit offenen Armen aufnimmt, ist es eine unverdiente Gnade. Die Wiederherstellung der Unversehrtheit, die nur Gott schenkt, kann nur mit tiefster Dankbarkeit besiegelt werden.

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